Leseprobe
Der China-Schock 2.0 landete in Europa Mitte der 2010-er Jahre – Leseprobe aus dem Kapitel HEUTE
Es ist 25 Jahre her, dass die westliche traditionelle Konsumgüterindustrie vom ersten ‚China-Schock‘ erschüttert wurde. Diese Welle preiswerter bis billiger Ware zerstörte manches Geschäftsmodell daheim und viele verloren ihren Arbeitsplatz. Politiker und Wirtschaftsverbände äußerten ihren Unmut, aber es fehlten effektive Gegenmaßnahmen. Das ist verständlich, denn die Konsumenten profitierten von niedrigen Preisen. Ergo, hielt dieser Trend die Inflation im Zaun.
Mitte 2010er Jahre landete unerwartet der China-Schock 2.0 und dies vornehmlich in Europa. Heute in 2026 erkennen wir deutlich, dass die europäische Hightech-Fertigung stark von China bedroht wird.
Zusammengefasst hat diese Entwicklung China zum Weltmarktführer in wesentlichen Fertigungssektoren gemacht. Ihr Marktanteil war laut OECD Magic Database in 2023 im Schiffbau 50%, Solar Photovoltaik 90%, Telekom 30%, Windkraftanlagen 25% und im Jahr 2025 lag der Marktanteil für Elektrofahrzeugen bei 50%; für Batterien sogar bei 75%.
Die Abkehr von der breiten Palette der Billigprodukte der 1990er Jahre wurde im Jahr 2015 mit Chinas Industriepolitik “Made in China 2025” (MIC2025) als strategischer Plan festgelegt. Und die Ergebnisse zeigen, wie ernsthaft China die Verwirklichung gesetzter Ziele nimmt.
Ohne Frage sahen die höchsten Ebenen von Regierung und Wirtschaft der europäischen Industrienationen die Herausforderung in MIC2025. Rückblickend war deren Reaktion jedoch unzureichend. Man war sich zu selbstsicher und bspw. Deutschland glaubte, mit dem Industrie 4.0 Programm hinreichend gerüstet zu sein. Und dies aus der Überzeugung heraus, dass ihr technologischer Vorsprung nicht einholbar sei.
Für China war das kein Hindernis; vielmehr wurden die Weltmärkte mit chinesischen Hightech-Gütern überflutet. Dies wurde ein Sorgenkind für die seit langem fest etablierten europäischen Industrien. Es muss erwartet werden, dass diese Entwicklung sich auch in anderen fortschrittlichen Industriebranchen fortschreibt.
Aus dieser Situation ableitend ist es angebracht die zugrunde liegenden Faktoren des chinesischen Erfolges zu verstehen.
- Chinas Industrielandschaft ist heute charakterisiert durch Geschwindigkeiten in der kreativen Innovation, die schiere Größe des Binnenmarktes und dem harten Wettbewerb. Die jüngsten Fortschritte des Landes in der humanoiden Robotik, der Biotechnologie und der Kl deuten auf diese Erfolgsfaktoren hin: einem großen Pool an Ingenieurtalenten und dichte inländische Lieferantennetzwerke, die auf schnelle Produktiteration und Skalierung ausgerichtet sind.
- Typisch für China führt die schnell wachsende Zahl der Hersteller zu Druck auf die Gewinnmarge. Dies tangiert zwangsläufig auch europäische Anbieter in China.
- Chinesische Firmen überschwemmen mit den heimischen Überkapazitäten die globalen Märkte, dies begünstigt durch attraktive Wechselkurse und durch die höchsten Subventionen weltweit. Das Resultat sind wachsendeHandelsspannungen.
- Es ist aber falsch, staatliche Unterstützung, sprich Subventionen, als den Haupttreiber für Chinas Wandel von Billigexporten hin zu fortschrittlicher Fertigung zu sehen. Dies ist nicht nur analytisch dürftig, sondern auch strategisch wenig hilfreich. Subventionen erklären nicht, wie China heute vermehrt Spitzentechnologien in herstellbare Produkte umwandelt.
- An dieser Stelle möchte ich zentrale Unterschiede hervorheben, die China heute von Europa unterscheidet: Zum einen die kreative Innovations- und Arbeitskraft der Menschen und der Pragmatismus, der für schnelle Umsetzung sorgt – selbst wenn Hindernisse im Weg sind. Zum anderen stehen dem in Europa häufig Überregulierung, eine geringere Veränderungsbereitschaft sowie strukturelle Hemmnisse – Beispiel Sozialstaat –entgegen.
Wo führt dieser Trend hin? In China zu Erfolgen und Verlusten und Pleiten, in Europa ist das Bild eher negativ. Die Karten in der Industrielandschaft werden neu gemischt, Europa hat jedoch keine Antwort – noch nicht.
Ein Fallbeispiel für die rasante Veränderung ist ein Sensor. Ursprünglich eine Spezialität deutscher und Schweizer Mittelstandsunternehmen, erkennt der Sensor elektrische Leckströme und dient somit als Sicherheitsvorrichtung am Ladestecker für Elektrofahrzeuge. Anfangs verkauften sie das Nischenprodukt für etwa 27 Euro. Mit dem Boom in der Elektromobilität wurde bald auch China ein Anbieter, zum Beispiel das Unternehmen Estron aus der Zhejiang Provinz. Im Jahr 2019 produzierten sie gerade mal etwa 20.000 Sensoren, dieses Jahr werden wohl 10 Millionen Einheiten verkauft. Anfang 2025 lag der Preis der Sensoren bei RMB 100 pro Stück; bei Kosten von etwa RMB 40 brachte dies einen satten Gewinn; heute liegt der Preis bei RMB 10 pro Stück. Deflation par excellence, die europäischen Hersteller sind die Verlierer, die Konsumenten die Gewinner.
Dieses Beispiel symbolisiert drei Aspekte:
China beweist heute immer wieder die Fähigkeit Technologietrends aufzugreifen und sie weiterzuentwickeln. Passend hierzu sagte Herr Huang He, der in chinesischen Industrieunternehmen investiert, in einem Gespräch mit der FT (14. April 2026) „China ist vollgepackt mit Ingenieuren – technologische Hürden halten höchstens sechs Monate bis ein Jahr durch.“
Bereits in der August 2018 Ausgabe der Zeitschrift ‚brand eins‘ prognostizierte die österreichische China-Expertin Silvia Lindtner (Professorin an der University of Michigan) in einem Interview „China will mit einem Heer von Erfindern und Firmengründern eine Art Masseninnovation anschieben. Ich warne davor, den Plan zu unterschätzen“.
Die schiere Größe des Heimatsmarktes ermöglicht es Unternehmen unter Nutzung des Skaleneffekts Produkte zu unschlagbaren Preisen anzubieten.
Und mit Bezug auf die Weltmärkte sagte Huang He der FT schonungslos „Unternehmen, die in China überleben können, sind weltweit unschlagbar“ und „Chinesische Gründer müssen alle möglichen Mittel nutzen, um zu überleben“. Der intensive und rücksichtslose Wettbewerb wird gegenwärtig mit dem Begriff nèijuǎn symbolisiert, ein Phänomen des intensiven und rücksichtslosen Kampfs für den Erfolg.
„Wenn China wächst, schrumpft Deutschland“ titelte das Handelsblatt am 20. Feb. 2026. Wenn die Prognose richtig ist, wäre eine Konsequenz, dass Europa unter der Last chinesischer Importe quasi erstickt, Europas strategische Industrien hätten schlussendlich das Nachsehen. Zwar betonte Bundeskanzler Friedrich Merz nach seinem Antrittsbesuch in Peking Anfang 2026 die deutsche Industrie sei durch chinesische Überkapazitäten und unfairen Wettbewerb stark bedroht. Die Gefahren aus Innovationskraft, nèijuǎn und die Flexibilität der chinesischen Unternehmen erwähnte er nicht; auch nicht, dass Chinesen einfach härter arbeiten und China nicht überreguliert ist. Der französische Präsident Emmanuel Macron fand deutlichere Worte nach seinem Peking Besuch: Der Boom hochwertiger chinesischer Waren sei für die Fertigungsindustrie in Europa eine Frage von Leben und Tod.
Zuständig für die reale Bedrohung ist primär die EU-Kommission. Sie hat nun, im März 2026, begonnen tatkräftig zu reagieren. Das vorgeschlagene Industrie-Beschleunigungsgesetz (Industrial Accelerator Act) enthält konkrete Antworten gegen Billigimporte aus China, die die europäische Industrie bedroht. Anstatt Europas wirtschaftlichen Niedergang passiv zu beobachten, enthält dieses Gesetz eine konkrete Wettbewerbsagenda. Auch werden in der EU gegenwärtig Vergeltungsmaßnahmen wie Zollerhöhungen, Handelsbarrieren und erschwerter Marktzugang diskutiert.
Dies ist ermutigend, doch wie lange wird es brauchen, bis die 27 Mitgliedstaaten diesen Änderungen zugestimmt haben? Und lässt sich damit Chinas Innovationskraft und die gewaltige Exportmaschine aufhalten?
Chinas hat in den letzten 20 Jahren seine Wirtschaftsmacht rasant ausgebaut und ist damit heute für Europa eine echte Herausforderung. Dies erzeugt in Europa zunehmend Angst und die Antwort darauf ist oft ein Einigeln und ‚weiter so‘. Aber diese Einstellung wird uns nicht helfen; vielmehr müssen wir, glaube ich, an diesen drei Hindernissen arbeiten, um die existentiellen Herausforderungen zu bewältigen.
6. Europas Bevölkerung, insbesondere in der Wirtschaft, muss gewillt sein die existierenden Vorurteile abzubauen und sich deutlicher den Herausforderungen zu stellen. Dazu gehört auch die Bereitschaft von China zu lernen, soll heißen die Gründe für Chinas rasanten Fortschritt beispielsweise in der Auto- und Maschinenindustrie zu erkennen, und sie wo möglich nachahmen und verbessern (mit kopieren hat China beginnend 1990 von uns gelernt!). Schon das Schlagwort „Fitness Center China“ von Jörg Wuttke (langjähriger Vorsitzender der EU-Handelskammer in Peking) kommt in Europa nicht gut an, weil zu offensiv. Aber es gibt Hoffnung. So wirbt Audi heute intern mit dem Slogan ‚China Speed‘ für beschleunigte Produktentwicklung.
7. Inmitten der wachsenden Spannungen in den internationalen Beziehungen, sagt die österreichische Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik, ist es Zeit für ein anderes Denken: „Man muss die Welt mit China denken, anstatt die Volksrepublik einfach aus unseren Überlegungen auszuklammern, nur weil es angeblich so fremd und anders ist“.
8. Täglich ist Europa konfrontiert mit den seismischen Veränderungen in den Bereichen Tech, AI und Robotik, die ihren Ursprung in China und den USA haben. Diese haben unmittelbaren Einfluss auf die Wirtschaft und das Leben in Europa. Hinzu kommen die Bedrohungen aus Chinas gewaltiger Exportmaschinerie. Stimmen aus Europa weisen deutlich auf bestehende und weitere Auswirkungen hin; zum Beispiel Gabor Steingart in seinem Buch ‚Systemversagen‘ (erschienen 2025). Oder der bekannte Tunnelbauer Martin Herrenknecht aus Baden-Württemberg. Er schilderte im Interview mit der FAZ (5. Juni 2026) die Herausforderungen „Ein Monteur hier bei uns bekommt 49 Euro die Stunde, in China zehn, in Indien 15 Euro. Das ist das größte Problem“. Ein weiterer Punkt für den Hidden Champion sei, dass die Trennung von Mitarbeitern beim Arbeitsgericht zwischen 300.000 und 400.000 Euro kostet. Und „Bosch hat über vier Milliarden an Abfindung bezahlt. Das muss man sich mal vorstellen“.
Ohne Zweifel haben sich die Rahmenbedingungen in Europa für Unternehmen drastisch verändert. Daraus folgend müsste Kostenstruktur und Auflagen der Unternehmen der Realität angepasst werden. Ist es angesichts der Bedrohungen nicht vielmehr an der Zeit zum Beispiel eine radikale Reduzierung der Sozialsysteme, der Arbeits- und Urlaubszeit und dem Rentenalter zu realisieren? Käme der Nachbar Schweiz als Vorbild in Frage? Dort gilt die 42 Stunden Woche, es gibt weniger Urlaub, es fallen weniger Krankentage an und der Kündigungsschutz ist sinnvoller geregelt.
Europas Hauptkonkurrenten China und USA sind mit ihren jeweiligen Sozialsystemen konkurrenzfähiger und insgesamt schneller in der Anpassung. So führt in China das Fehlen eines robusten sozialen Sicherheitsnetzes zu mehr ‚Kapitalismus‘, dies resultiert in günstigen Arbeitskosten gekoppelt mit der Bereitschaft hart zu arbeiten. Und dieser Vorteil wird wohl bestehen bleiben.
Chinas Hidden Champions: Little Giants – Leseprobe aus dem Kapitel HEUTE
Im März 2019 hatten mein Sohn Stefan und ich einen wunderbaren Gesprächspartner in Hongkong zum Abendessen zu Gast: Professor Hermann Simon. Weithin bekannt als der Begründer von ‚Hidden Champions‘ gab es genügend Gesprächsstoff – und für mich als Geschenk das Buch ‚Aufbruch nach Globalia‘ mit der Widmung „Herrn Jürgen Kracht mit den besten Wünschen – persönlich und für den Hidden Champion Fiducia.“
Der Begriff ‚Hidden Champions‘ wurde von Simon im Jahr 1990 im Rahmen einer Studie geprägt. Paradebeispiele für ihn waren und sind spezialisierte und innovative mittelständische Unternehmen, die in einer Nische marktführend, aber wenig bekannt sind. Simons Recherche ergab, dass es in der DACH-Region 2021 etwa 1.900 Unternehmen gab (Deutschland 1573, Schweiz und Österreich jeweils 171), die dieser Definition entsprechen. Im Vergleich dazu gab es in den USA etwa 350 und knapp 300 in Japan. Die einzigartige Dichte in der DACH-Region lässt sich auf historische und strukturelle Faktoren zurückführen. Am Beispiel Deutschlands: Die föderale Struktur, die frühe Exportorientierung, eine hervorragenden Ausbildungsqualität sowie eine über Generationen gewachsene industrielle Basis, die maßgeblich von Familienbetrieben getragen wird. Die große Resonanz auf Simons Thesen führte unter anderem zum jährlichen Weltmarktführer-Gipfel in Schwäbisch Hall – an dem ich mehrmals teilgenommen habe; viel gelernt und potenzielle Klienten kennengelernt.
Professor Simon bereiste China über die Jahre regelmäßig; auch führte er Delegationen deutscher Mittelständler ins Land, hielt Vorträge vor chinesischen Mittelstandsunternehmen und gab Interviews in den Medien wie China Daily. Seine Analysen zu technologischer Stärke, Innovation und globaler Expansion fanden viel Aufmerksamkeit. Schließlich wurde im Jahr 2021 die Hermann Simon Business School in Shougang (Shandong Provinz) 寿光西蒙商学院 gemeinsam mit dem Unternehmer Yang Shuren (Shandong Mourui Chemical) eröffnet.
Chinas Politik und Mittelstand hatten Professor Simon wohl gut zugehört, denn im Jahr 2016 starteten sie mit einer Kopie, dem industriepolitischen Programm „Little Giants“ (专精特新).
Ausgangspunkt hierfür waren die Erfolge der deutschen Hidden Champions zu reproduzieren. Beginnend im Jahr 2018 wurde es Schritt für Schritt realisiert, auch als direkte Antwort auf den eskalierender Handelskonflikt mit den USA. Denn deren Exportembargo für Tech-Komponenten war ein harter Schlag für Chinas schnell wachsende Industrie. Das Ziel war es, in kritischen Technologiesektoren wie Chips, Hochleistungswerkstoffe und Spezialsoftware gezielt sogenannte ‚Chokepoints‘ zu überwinden.
Das Programm basiert auf einem strukturierten Qualifizierungssystem, bei dem Lokalregierungen innovative KMU scouten und je nach Entwicklungsstand über Zertifizierungsstufen wie „Innovative KMU“, „Spezialisierte KMU“, „Little Giants“ oder „Manufacturing Champions“ begleiten. Mit jeder Stufe werden zusätzliche Finanzmittel freigesetzt, allerdings muss die Zertifizierung alle drei Jahre erneuert werden. Dadurch konzentriert der Staat seine Ressourcen gezielt auf Akteure mit dem höchsten Potenzial.
Um als Little Giant zertifiziert zu werden, müssen Unternehmen fünf Kriterien erfüllen: KMU-Status, Ausrichtung auf die MIC25-Schlüsselindustrien, solide Wirtschaftsleistung, hoher Spezialisierungsgrad sowie nachgewiesene Innovationsfähigkeit. Zertifizierte Unternehmen profitieren von einem umfassenden Förderpaket. Dazu gehören Zuschüsse, Steuererleichterungen, zinsgünstige Kredite usw. Hinzu kommen die Einbindung in die Lieferketten staatlicher Unternehmen, Partnerschaften mit Hochschulen und ein verbesserter Schutz geistigen Eigentums. Auf regionaler Ebene ergänzen Provinzen und Städte die nationalen Maßnahmen oft großzügig: die Provinz Kanton hat in Zusammenarbeit mit Banken Finanzierungszusagen in Höhe von 600 (!) Milliarden CNY bereitgestellt.
Analog dazu qualifiziert China seit 2016 ausländische Unternehmen auf Antrag mit dem High and New Technology Enterprise Status oder dem Advanced Technology Service Enterprise Status. Der Status gewährt Unternehmen mit Spitzentechnologien steuerliche Vorteile und eröffnet neue Marktchancen. In unserem Newsletter China Focus 1/2017 hat Peter Legner von Schenck Shanghai Machinery die Herausforderungen bei der Erlangung und die geschäftlichen Vorteile fürs Unternehmen dargestellt.
Diese Dynamik befördert eine industrielle Clusterbildung, die in ihrer Dichte bemerkenswert ist. Ein Blick nach Huangyan, einem Industriedistrikt in der Provinz Zhejiang, zeigt, wie weit China beim Aufbau seiner industriellen Resilienz bereits vorangekommen ist. Der Ort beherbergt eine außergewöhnliche Dichte an hochspezialisierten Herstellern von Kunststoffkomponenten und Formwerkzeugen. Hier werden Autoinnenverkleidungen, Elektronikgehäuse oder Medizinprodukte hergestellt. Zu den Abnehmern zählen Konzerne wie Volkswagen und Tesla.
Ein MERICS-Report zeichnete bereits 2023 die erzielten Fortschritte auf: Unternehmen aus der ersten Phase wie BWT Beijing(Halbleiterlaser), Leaderdrive (Robotik) und Endovastec (Medizintechnik) hatten sich rasch zu Importsubstitutionen entwickelt. RockchipElectronics ersetzt als führender chinesischer Chip-Designer zunehmend westliche Halbleiter in Tablets, Set-Top-Boxen und IoT-Geräten. Für Anleger, die von diesem Wachstumspotenzial profitieren möchten, bietet der Global X China Little Giant ETF (Hongkong Börsen Code 2815) eine Einstiegsmöglichkeit.
Die Mehrzahl der Little Giants sind im Yangtze River Delta Region beheimatet, konzentriert auf Suzhou, Hangzhou & Shanghai, sowie in der Provinz Kanton, im Großraum Peking-Tianjin-Hebei und auch in den Provinzhauptstädten wie Wuhan, Changsha, Chengdu und Chongqing.
Der gravierende Unterschied zu den deutschen „Hidden Champions“ ist, dass die chinesischen „Little Giants“ vom top-down Förderungsprogramm profitierten und damit schnell Erfolg erzielten.
Offen aber bleiben wesentliche Fragen: Wie viele der geförderten Akteure überleben, wie ist die Profitabilität der erfolgreichen Unternehmen und, überhaupt, hat sich das Experiment für China gelohnt? Die Zeit wird zeigen, ob die künstlich geförderten sich im Markt behaupten können und positiv für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sind. Der im chinesischen Markt vorherrschende rabiate Selektionsprozess wird es wohl richten. Die Volatilität des Systems zeigt das Beispiel von Beijing Ande Medical Intelligence Technology: Das 2018 gegründete Unternehmen für medizinische KI wurde Anfang 2022 als Little Giant zertifiziert, war jedoch bereits im Juli 2023 zahlungsunfähig. Für Peking ist das Scheitern einzelner Akteure nicht relevant. Wichtig bei dieser Methode ist die Chance, Industrie-Champions zu kreieren und wie in der Natur, der Stärkste gewinnt.
Die Konsequenzen aus dem Programm sind erheblich für Europa. Nach Schätzungen des Manager-Magazins (24.11.2023) könnten bis zu 40% des europäischen Exports unter Druck geraten. Während in Europa stärkere Schutzmaßnahmen für die heimischen Hidden Champions gefordert werden, empfiehlt Professor Hermann Simon, dass sich Unternehmen in China als echte ‘Insider’ zu positionieren, um damit direkt an den Entwicklungen des Landes zu partizipieren (Xinhua, 24.02.2026). Denn, so die These, wer vollumfänglich in den Markt integriert ist, hat mehr Erfolgschancen. Diese Aussage setzt aber voraus, dass die DACH-Unternehmen autonom vom Head-Office operieren. Durch die Lokalisierung von Wertschöpfungsketten, Forschung und Entwicklung sowie Entscheidungsprozessen können sie besser und schneller auf Marktveränderungen reagieren.
Der erste Marco Polo Club – (1970er) Leseprobe aus dem Kapital GESTERN
Für viele Geschäftsreisende in Asien ist der Marco Polo Club der Cathay Pacific Fluglinie etwas spezielles, denn der Klub gewährt Vielfliegern angenehme Privilegien. Benannt ist er nach dem venezianischen Händler Marco Polo (* 1254, † 1324), dessen epischen Berichte über eine China Reise bis heute von großer Bedeutung sind.
Tatsächlich aber hatte der Cathay Club einen Namensvorgänger, der in einer anderen Zeit eine ganz andere Rolle spielte. Ich kam in den Genuss der ‚Mitgliedschaft‘ durch meinen Arbeitskollegen Peter Hartlieb, Direktor bei Jebsen. Dies war im Jahr 1972 oder 1973; das weiß ich nicht mehr so genau. Peter also nahm mich mit zu einem zu einem Abendessen des Klubs im prestigeträchtigen Mandarin Hotel. Ich war dankbar und neugierig was mich erwarten würde. Organisator des Treffens war Rechtanwalt Percy Chen, er war Gründer des ‚ersten‘ Marco Polo Clubs. Mit dieser Institution wollte er ein Fenster in das selbst-isolierte China öffnen. Sein Ziel war in Hongkong lebenden Ausländer und Mitarbeiter von chinesischen Staatsinstitutionen in Hongkong zusammenzubringen.
Dem Leser ist vielleicht geläufig, dass in der maoistischen Ära kaum offizielle oder inoffizielle Kontakte zwischen China und der westlichen Welt gab. Für uns Geschäftsleute war es deshalb schwierig direkte Geschäftsbeziehungen zu China zu knüpfen. China war damals schlichtweg eine große Black Box. Außerhalb der zweimal jährlich stattfindenden Kanton Messe war es für Ausländer nur selten möglich ein Einreisevisum für China zu erhalten. Damit verblieb als einzige Möglichkeit die Korrespondenz per Brief oder Telegramm; aber zuerst mussten wir herausfinden, mit wem wir korrespondieren sollten und – kein Scherz – deren Post- oder Telegrammadresse.
Zwar waren chinesische Staatsbeamte in Hongkong stationiert, aber wie findet man den richtigen Kontakt? Denn die meisten staatlichen Unternehmen operierten unter Pseudonymen. Und für deren Mitarbeiter war streng reglementiert, mit wem sie sich treffen durften – und natürlich berichtete jeder über jeden an den chinesischen Geheimdienst. Erklärend gehört hier dazu das China für viele Jahre keine offizielle Vertretung in Hongkong unterhielt. Mitarbeiter zum Beispiel des Außenministeriums arbeiteten getarnt bei der Niederlassung der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua, London war dies wohlbekannt.
Das vom Marco Polo Club am letzten Donnerstag jedes Monats organisierten Abendessen bot daher eine seltene Gelegenheit für uns, informell mit in Hongkong stationierten Festlandschinesen zusammenzukommen. Eine offizielle Mitgliedschaft und auch Mitgliedsbeiträge existierte nicht, wir mussten lediglich für Speis und Trank bezahlen. Eingeladen zu den Treffen wurden wir mittels Postkarte und diese funktionierte auch als Eintrittskarte. Damals waren in der internationalen Community Hongkongs wenige Einladungen so begehrt wie diese!
Anwesend waren in der Regel ausländische Geschäftsleute, Journalisten (darunter auch getarnte Spione), und in Hongkong stationierte Diplomaten (zu dieser Zeit hatte das deutsche Konsulat einen großen Mitarbeiterstab). US-Bürger und auch US-Diplomaten wurden bis 1972 aufgrund der angespannten Beziehungen im Kalten Krieg nicht eingeladen. Auf chinesischer Seite waren Mitarbeiter der Xinhua Niederlassung, der Bank of China und, für uns wichtig, manchmal auch Vertreter chinesischer Außenhandelsunternehmen anwesend.
Bei den Zusammenkünften im Bamboo Room im 1. Stock genossen wir Cocktails, ein westliches Abendessen und die Vorführung chinesischer Propagandafilme: „China macht große wirtschaftliche Fortschritte, die glücklichen Menschen lieben alle den Vorsitzenden Mao.“ Und, charakteristisch für die Zeit „Wir behalten die imperialistischen Amerikaner und ihre Handlanger (running dogs) genau im Auge“.
Für mich, in der BASF-Abteilung von Jebsen arbeitend, erwiesen sich die Kontakte im Marco Polo Club als fruchtbar, da wir damit Geschäftskontakte ausbauen konnten und Hinweise zu den richtigen Ansprechpartnern im riesigen Netzwerk der Außenhandelsunternehmen erhielten – wertvoll war schon allein die passende Adresse in der Provinz für unsere Mailingkampagnen. Damit konnten wir dann per Brief die Vorzüge der BASF-Produkte propagieren. Gelegentlich kam es vor, dass wir von Vertretern der Außenhandelsfirmen in Hongkong angesprochen wurden; es wurden Produktinformationen angefordert oder konkrete Importanfragen an uns übermittelt.
Der Marco Polo Club war 1956 von Percy Chen (* 1901 †1989) gegründet worden. Geboren in Trinidad in eine wohlhabende, landbesitzende chinesische Familie wurde er an der University College School in London ausgebildet und 1922 als Anwalt in England zugelassen. Sein Vater war Eugene Chen, der in den Jahren 1931 und 1932 Außenminister der Republik China war. 1947 zog Percy nach Hongkong und gründete eine Anwaltskanzlei, später wurde er zum Barrister ernannt.
Percy war ein großer, gut gekleideter Mann, sein persönlicher Lebensstil war geprägt vom Hang zum guten Leben, ein Champagner-Sozialist (Schweizer nennen dies den „Cüpli-Sozialisten‘) eben. Was für ein Kontrast zu den Beamten vom Festland in ihren blauen Mao-Anzügen! Verwunderlich war seine Loyalität zur Volksrepublik China. Denn er verdiente mit seinen Netzwerkbemühungen kein Geld. Aber irgendwie passte er in das bunte Bild der damaligen britischen Kronkolonie. Und für uns war Percy ein wertvoller Brückenbauer, denn er half die Kluft zu China zu überbrücken.
1979 erschien seine Autobiografie „China Called Me: My Life Inside the Chinese Revolution“ 1. Es ist ein Buch voller faszinierender Kontraste und Widersprüche. Ich empfehle es, da es reich an Geschichte und voller Reiseberichte und persönlicher Anekdoten aus seinem Leben in Chiang Kai-sheks China und in Moskau ist.
Hong Kong, here I come! – (1971) Leseprobe aus dem Kapitel HEUTE
Als David von Hansemann mich im September 1970 am Hamburger Flughafen für eine Tätigkeit in Hongkong (bedeutet auf Chinesisch ‚duftender Hafen‘) interviewte, ahnte ich nicht, dass dieses Treffen in einen über 55 Jahre dauernden Aufenthalt enden würde. Mein Chinaabenteuer begann also mit einem Zweijahresvertrag mit der Firma Jebsen & Co. Und ich lebe heute immer noch hier in Hongkong.
In der damaligen Zeit war die Stadt eine sattelfeste britische Kronkolonie – über den in 1997 auslaufenden Pachtvertrag sprach niemand. Andererseits war die Zukunft des benachbarten Chinas unsicher, denn im Land wütete immer noch die Kulturrevolution. Chinas Außenhandelsvolumen mit der Welt war über Jahre hinweg niedrig. Beispielsweise exportierte China im Jahr 1971 lediglich US$ 272 Mio. in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, Niederlande und der Bundesrepublik Deutschland). Im selben Jahr wurden aus China Ware im Wert von US$ 323 Mio importiert. Einhergehend mit den Zahlen verkaufte kein westdeutscher Hersteller Autos nach China, kein österreichisches Unternehmen exportierte Maschinen oder Mozartkugeln nach China und auch war der Export von Schweizer Uhren nach China nicht existent. Auf der anderen Seite, so erinnere ich mich, exportierte China damals beispielsweise Textilien, Schweinedärme (für die Wurstproduktion) und auch einfaches Holzspielzeug nach Europa. Bevor ich die Arbeit in Hongkong aufnahm, war auf Wunsch der BASF eine dreimonatige Ausbildung in Ludwigshafen vorgeschaltet. Mehr dazu später.
Eine weitere Zwischenstufe vor der Ankunft in Hongkong waren Stopps in Singapur und Kuala Lumpur. Herr von Hansemann, Managing Director Jebsen Hongkong, hatte arrangiert, dass ich die Ausreis für den Besuch der dortigen Jebsen Büros nutze, um damit die Zusammenarbeit zu fördern. An den Singapur Aufenthalt erinnere ich mich noch gut, an KL nicht mehr. In Singapur empfing mich Dirk Poulssen im Büro, anschließend kam ich in den Genuss eines typischen lokalen Mittagessens. Wir sind heute noch in Kontakt – Dirk lebt mittlerweile in Cameron Highlands, dem kühlen Berggebiet nördlich von KL. Singapurs Stadtbild war damals sehr chinesisch, so wie man es aus alten Beschreibungen kennt. Viel Gewusel, Rikschas überall, ikonische Shophouses und schwer beladene indische Kulis prägten das Stadtbild.
Dann, am 6. Januar 1971, war es endlich so weit: Ich war auf dem letzten Reiseabschnitt nach Hongkong! Für den Flug mit Malaysia-Singapore Airlines a-Singapore Airlines (MSA) hatte ich einen Fensterplatz auf der rechten Seite gebucht. Ich war aber vorher gewarnt worden, dass dies nichts für Angsthasen sei. Nach einem angenehmen Flug über das tiefblaue südchinesische Meer begann ein stetiger Sinkflug und ich sah durchs Kabinenfenster eine Vielzahl von malerischen Inseln und auf Reede liegenden Schiffen. Etwas später stelle ich mit Schreck fest, dass der Pilot direkt auf ein riesiges rot-weißes Schachbrettmuster auf einem Felsblock zufliegt. Und dann, oh weh, zieht er plötzlich eine scharfe Rechtskurve. Gleichzeitig sinkt das Flugzeug und nach einer Adjustierung gleiten wir langsam über Kowloon City direkt auf die Landebahn zu. Unter uns sehe ich deutlich eine Batterie von Mietskasernen. Man kann quasi direkt in die Küche blicken und sich fragen, was da wohl zum Abendessen gekocht wird. Beim Gleitflug streifen wir fast die Fernsehantennen und die auf den Dächern zum Trocknen aufgehängte Wäsche. Momente später landen wir auf der ins Meer ragenden Landebahn des Flughafens Kai Tak. Beim Bremsmanöver sehe ich aus dem Fenster blickend rechts viele Schiff im Hafen und im Hintergrund die Skyline der Insel Victoria; auf der linken Seite eine lang gezogen Bergkette.
Dann, am 6. Januar 1971, war es endlich so weit: Ich war auf dem letzten Reiseabschnitt nach Hongkong! Für den Flug mit Malaysia-Singapore Airlines a-Singapore Airlines (MSA) hatte ich einen Fensterplatz auf der rechten Seite gebucht. Ich war aber vorher gewarnt worden, dass dies nichts für Angsthasen sei. Nach einem angenehmen Flug über das tiefblaue südchinesische Meer begann ein stetiger Sinkflug und ich sah durchs Kabinenfenster eine Vielzahl von malerischen Inseln und auf Reede liegenden Schiffen. Etwas später stelle ich mit Schreck fest, dass der Pilot direkt auf ein riesiges rot-weißes Schachbrettmuster auf einem Felsblock zufliegt. Und dann, oh weh, zieht er plötzlich eine scharfe Rechtskurve. Gleichzeitig sinkt das Flugzeug und nach einer Adjustierung gleiten wir langsam über Kowloon City direkt auf die Landebahn zu. Unter uns sehe ich deutlich eine Batterie von Mietskasernen. Man kann quasi direkt in die Küche blicken und sich fragen, was da wohl zum Abendessen gekocht wird. Beim Gleitflug streifen wir fast die Fernsehantennen und die auf den Dächern zum Trocknen aufgehängte Wäsche. Momente später landen wir auf der ins Meer ragenden Landebahn des Flughafens Kai Tak. Beim Bremsmanöver sehe ich aus dem Fenster blickend rechts viele Schiff im Hafen und im Hintergrund die Skyline der Insel Victoria; auf der linken Seite eine lang gezogen Bergkette.
Die Landung ist gelungen. Ein guter Anfang, denke ich und lehne mich zufrieden zurück.
Bis 1998 war die Flugzeuglandung in Kai Tak eine der dramatischsten und charismatischsten der Welt. Wegen des komplizierten Lande- und Abflugmanöver mussten alle Piloten eine Sonderprüfung ablegen. Für den Interessierten lohnt es sich die Landung auf Youtube aus dem Cockpit Blickwinkel zu erleben.
Trotz der Gefahren gab es keine Horror-Unfälle, aber schon mal Pannen. Einmal setzte eine CAAC Maschine aus Peking kommend zu spät auf und der Bremsweg reichte nicht aus. Resultat: Das Flugzeug rutschte ins Wasser, zum Glück gab es wenig Verletzte. Im Oktober 1983 hatte ein Lufthansa Cargo Jumbo auf dem Weg nach Frankfurt wegen unzureichender Ladungssicherung oder Motordefekt (ich weiß es nicht mehr) Probleme beim abheben. Der Pilot schaffte es, das Flugzeug kurz vor dem Ende der Startbahn durch eine scharfe Linksdrehung im Boden zum Stehen zu bringen. Keine Verletzten, aber als Erstes wurde der Lufthansa-Kranich übermalt! Denn das Foto ging um die ganze Welt
Auf der Basis eines Sichtvermerks im Pass vom British Visa Office in Düsseldorf verlief die Passkontrolle reibungslos. Zügig wurde mein Pass gestempelt mit dem Eintrag ‚Arrived by MSA (Malaysia-Singapore Airlines). I, Director of Immigration, permit the holder to enter HONG KONG for employment subject to the condition that he leaves HONG KONG on or before 6. July 1971‘. Und ein weiterer Stempel sagte ‚ENTRY 6JAN1971‘. Damit war der Weg frei zum Gepäckband.
Die Ankunftshalle war gut gefüllt mit Menschen; wenige warteten auf Anreisende; die meisten waren Schüler, die auf dem Boden saßen, um in dem klimatisierten Umfeld ihre Hausaufgaben zu erledigen. Denn die elterliche Wohnung war eng und überfüllt, und Klimaanlagen waren eine Seltenheit zu dieser Zeit. Für mich war dies der erste Beweis, dass Chinesen praktisch denken und Lösungen finden!
Hier sei angemerkt, dass ich Hongkong bereits im Juni 1970 für eine Woche besucht hatte. Angestoßen wurde diese Reise durch eine einmalige Zahlung von BAföG, der staatlichen Studienförderung. Mein Ex-Kommilitone Hans-Peter aus Duisburg und ich hatten uns spontan entschieden, dieses Geld für eine Studienreise zu verwenden. Also kauften wir von Egypt Air ein preiswertes Flugticket und damit war automatisch die Reiseroute festgelegt: Frankfurt – Kairo – Zwischenstopp in Kuwait – Bombay – Bangkok – Hongkong und schließlich Tokyo. Hier war unser Reiseziel der Höhepunkt des Jahres, die Weltausstellung in Osaka. Für die Rückreise nach Europa ging es mit einem russischen Passagierschiff zuerst nach Nachodka und von dort aus mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Helsinki.
Rückblickend war der Zuschuss der BAföG hervorragend angelegt: Wir erlebten viel und wir sind enorm dankbar für die vielen Eindrücke und Erlebnisse in Asien und später in der Sowjetunion. Diese passen aber leider nicht zu diesem Buch. Aber eine Ausnahme sei gestattet: In Moskau wurde mein Freund und Reisebegleiter Hans-Peter angesprochen, ob er seine Lewis 405 Jeans verkaufen möchte. Nach kurzer Diskussion mit mir sagte er zu und als Resultat hatten wir mehre Schlemmerabende mit Kaviar und Wodka. Eine interessante Facette zum ‚real existierenden Sozialismus‘.
Gelegentlich tauche ich mittels meines Tagebuchs in diese damalige surreale Zeit ein.
„Wenn ich hier Chef wäre“ – Der erste ausländische Fabrikdirektor seit 1949 – Leseprobe aus dem Kapitel GESTERN
Im Dezember 1984 traf Wuhans Bürgermeister Wu Guanzheng eine bemerkenswerte Entscheidung: Er ernannte den Deutschen Werner Gerich (1919–2003) zum ersten ausländischen Leiter einer chinesischen Fabrik seit 1949. Diese Nachricht machte damals in ganz China Schlagzeilen. In zwei Jahren als Direktor verwandelte Gerich das Wuhan‑Dieselwerk in ein profitables Unternehmen, das Millionen von Dollar an Exporterlösen erwirtschaftete. Er schrieb ein Buch, das in ganz China zu einem Handbuch für Betriebsleiter wurde. In der Reformära haben nur wenige Ausländer einen derart großen Einfluss ausgeübt wie Gerich. Wie kam es dazu?
Die Konsequenz war unerwartet, denn Gerich wurde im Dezember 1984 tatsächlich zum Werksleiter ernannt! Dies war ein einmaliger Vorgang, denn damit wurde zum ersten Mal seit 1949 ein Ausländer zu einer Führungsposition in einem Staatsbetrieb ernannt. Nicht verwunderlich, die Nachricht machte damals in ganz China Schlagzeilen.
Zurück zum Anfang der Geschichte: Gerich, geboren in Mannheim, war Ingenieur und arbeitete für Jahre bei Demag, Duisburg, Hersteller von Schwermaschinen. Unter anderem hatte er in den 1970er‑Jahren mit duzenden Ingenieuren aus Belgien, Deutschland und Österreich in Wuhan als Berater gearbeitet, um die Chinesen beim Aufbau eines in Europa gekauften Walzwerkes zu unterstützen. Jahre später im Ruhestand war sein Wunsch sein Wissen und seine jahrelangen Erfahrungen nutzbringend einzubringen. Also registrierte er sich beim Senior Experten Service (SES) in Bonn, deren Zweck es war Einsätze im Ausland zu vermitteln.
Am 8. Juli 1983 hielt Deng Xiaoping eine bedeutende Rede mit dem Titel „Die Nutzung ausländischen Wissens und die Ausweitung der Öffnung nach außen“. Darin schlug er vor, Ausländer in allen Bereichen der Reform einzusetzen. Er sagte sinngemäß: In der Modernisierung fehlt es uns an Erfahrung und Wissen. Wir dürfen keine Angst haben, Geld auszugeben, um Ausländer einzustellen. Unsere Öffnung nach außen reicht noch nicht aus. Etwa zu dieser Zeit wurde Wuhan zu einer Pilotstadt für Reform auserkoren. Dazu ist anzumerken, dass die Stadt verkehrstechnisch und wirtschaftlich das Zentrum von Zentralchina ist. Und das spiegelt sich auch in ihrer Industriestruktur wider, der Schwerpunkt liegt bei der Schwerindustrie.
Über die Jahre hatten Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen mehrfach zur Zufriedenheit der chinesischen Kunden Industrieanlagen geliefert. Die ersten Kontakte resultieren aus den Jahren 1978 bis 1982, als ein europäisches Konsortium ein Kaltwalzwerk in Wuhan errichteten. Damals lebten etwa 300 Ingenieure mit ihren Familien in Wuhan. Aus diesen gewachsenen Beziehungen resultierte im Oktober 1982 ein Städtepartnerschaftsvertrag zwischen den Städten Duisburg und Wuhan, der u.a. Kooperationsoptionen enthielt. Daraus resultierend wandte sich die Stadtverwaltung Wuhan 1984 an die Stadt Duisburg mit der Bitte einen Berater für Verbesserungen im staatliche Dieselwerk zu vermitteln. Verbunden war damit der Wunsch eine kostengünstige Lösung zu finden. Für derartige Situationen war der SES der ideale Partner. Gerich also wurde Berater für das Dieselwerk und daraus resultierte später sein Bericht über den desolaten Zustand des Werks.
Bestimmt hatte sich Bürgermeister Wu bei der darauffolgenden Ernennung Gerichs zum Fabrikdirektor durch politische Rückendeckung abgesichert. Trotzdem setzte er seine Position aufs Spiel. Denn nach wie vor existierten marxistische Hardliner, die den Reformen kritisch gegenüberstanden.
Gerich (Ge Lixi) jedenfalls war für die Aufgabe der richtige Mann: willensstark, kompromisslos und mit seinen 1,80 Metern überragte er alle. Aber war ihm bewusst, dass er ein schweres Erbe antrat? Viele Staatsbetriebe waren von der Kulturrevolution schwer gezeichnet. Und in dieser Zeit hatte die Revolution und nicht das Produkt Vorrang. Dies stand aber im Widerspruch zum dem großen, damals üblichen Propagandaplakat am Werkstor ‚Auf die Produktion kommt es an – Zeit ist Geld‘. Seine erste Maßnahme war zerbrochene Fensterscheiben ersetzen zu lassen und die Abwasserleitung zu reparieren, denn heftige Regenfälle überschwemmten jeweils die Werkshallen. Gerich sagte dazu lautstark „So kann man nicht arbeiten“.
Dann ging es zur Sache: Schichtbeginn war um acht Uhr, aber viele Beschäftigte kamen später, manche erst zur Mittagszeit. Also lies Gerich am Werkstor einen Aushang anbringen mit der Ankündigung, dass ab morgen die Arbeit für alle um 8:30 Uhr beginne. Und dass nur die anwesenden Mitarbeiter ihren Lohn erhalten würden. Eine derartige Maßnahme hatte es in dem lang herrschenden sozialistischen Arbeitsumfeld noch nie gegeben und als Konsequenz wurde das Schild von vielen ignoriert. Somit war das geschlossene Werkstor am dritten Tag für die Spätkommer ein Schock. Gleichzeit aber auch eine Lektion, dass der neue Chef es ernst meinte. Natürlich machte er sich damit unbeliebt. Die Belegschaft aber merkte schnell, dass Gerich die Rückendeckung des Bürgermeisters hatte.
Das aber war erst der Anfang. Täglich durchwanderte Gerich die Produktionshallen und inspizierte die Fertigungsprozesse ausgerüstet mit Messschieber, Spaltkeil, Magnet und weißem Handschuh. Geprüft wurde die Maßgenauigkeit der produzierten Teile und mit dem Handschuh kontrollierte er die Sauberkeit der Maschinen! Immer wieder unterbrach er den Rundgang, um den Arbeitern zu zeigen, wie gute Qualität erzielt wird. Er zeigte ihnen auch warum und wie man Maschinen putzt. Auf seinen nicht geplanten Rundgängen sah er Mitarbeiter, die nicht arbeiteten, sondern Zeitung lasen oder schliefen. Dies, so errechnete er, bedeute im Durchschnitt täglich 70 Minuten ‚Freizeit‘. Das Resultat war eine strikte Acht‑Stunden‑Regel. Und es wurde ein differenziertes Lohnsystem eingeführt. Damit wurde alle zwei Monate der Arbeiterlohn entsprechend der Leistung angepasst. Außerdem wurde die Mitarbeiterzahl reduziert. „Das Werk hat 1.800 Beschäftigte, tatsächlich braucht es maximal nur 1.400“, sagte Gerich.
Auch wurden in den Abteilungen die Arbeitsabläufe tiefgreifend reformiert und er erstellte Organigramme (Hand gezeichnet) und Stellenbeschreibungen. Fortan kontrollierte er, ob die Führungskräfte im Betrieb anwesend waren oder im Büro saßen und rauchten.
All diese Maßnahmen sorgten natürlich für Unmut. Denn hier war jemand der die jahrelangen bequemen Praktiken zerstören wollte. Mit Gerich aber war die Zeit des ‚eisernen Reistopfs‘ vorbei. In seiner ersten Rede an die Belegschaft sagte Gerich: „Das Hauptziel meines Aufenthalts in Wuhan ist es, der Stadt zu helfen, hochwertige Dieselmotoren zu produzieren. Ich hoffe, dass Sie alle mich als Freund betrachten und gemeinsam mit mir daran arbeiten, Dieselmotoren zu fertigen, die eine lange Lebensdauer haben. Wir werden dazu die vorhandenen Anlagen nutzen und sie mit moderner Unternehmensführung verbinden“. Um den Wandel zu fördern, führte er tägliche Besprechungen ein, bei denen die Manager und Ingenieure Rechenschaft ablegen und Verbesserungsvorschläge vorstellen mussten.
Tatsächlich erzielte die Fabrik durch Gerichs grundlegende Reformen einen großartigen Turnaround: die Jahresproduktion stieg von 18.000 auf 60.000 Traktoren, der Ausschuss senkte sich von 40 auf 10 Prozent, die durchschnittliche Laufzeit der Motoren betrug jetzt bis zu 8.000 Betriebsstunden – statt zuvor 3.000 – und erstmals wurde nach Südostasien exportiert. Und das Wichtigste: Das Wuhan‑Dieselwerk war jetzt profitabel.
Gering beendete seine Tätigkeit im November 1986. Zum Abschied wurde er für seine Leistungen ausgezeichnet: Ehrenbürger von Wuhan, Ehrenprofessor der Universität Wuhan und Peking verlieh ihm die Ehrenstaatsbürgerschaft. Bei einer Konferenz im Januar 1986 in Iserlohn erzähle Gerich über seine Wuhan-Zeit „Ich musste häufig vor Wut mit der Faust auf den Tisch schlagen“ und „Niemand sagte ‚Das ist mein Motor’ oder ‚Meine Fabrik‘ wie es bei uns in Europa üblich ist“.
Einmalig: Am 2. Juli 1987 empfing Ministerpräsident Zhao Ziyang Werner Gerich in Peking. Er war eingeladen, über seine beruflichen Erfahrungen im Dieselmotorenwerk Wuhan zu berichten. Vor dem Treffen wurde er in der deutschen Botschaft in die Protokollregeln für Begegnungen mit hochrangigen Politikern eingeweiht: ihm wurde eingeschärft, nur zu sprechen, wenn gefragt, Fragen kurz zu beantworten und sich darauf einzustellen, dass das Treffen nach kurzer Zeit beendet werde. Doch es kam anders, denn das Gespräch dauerte lange und musste sogar unterbrochen werden, weil den Stenografen das Papier ausgegangen war.
Dem Ministerpräsidenten war daran gelegen, aus erster Hand – und von einer neutralen Person ohne Eigeninteressen – Details über den Zustand staatlicher Fabriken zu erfahren, und wie sich die Situation verbessern ließe. Gerich sprach offen und nutze die Gelegenheit, über Unternehmensführung und Betriebswirtschaftslehre am Beispiel seiner Erfahrungen in Wuhan zu berichten. Er muss den Ministerpräsidenten stark beeindruckt haben, denn es folgte die Anweisung, weitere ausländische Experten als Berater für Schlüsselfabriken nach China einzuladen, wobei Deutschland bei diesem Vorhaben eine besondere Rolle spielen sollte. Über das Treffen wurde ausführlich und prominent in den Staatsmedien berichtet, etwa in der „Volkszeitung“ (People’s Daily).
In meinem Bücherregal steht seit Jahren das geschichtlich bedeutsame Werk Ge Lixi Zai Wu Chai 格里希在武柴 (Gerich bei den Wuhan-Dieselwerken). Es erschien 1987 im Verlag Enterprise Management Publishing House Peking und enthielt Gerichs Vorträge zu Themen wie Modernisierung von Fabrikabläufen, Qualitätsmanagement, Personalmanagement und seine Konzepte zur Umstrukturierung des Wuhan Werks. Zwei ungewöhnliche Highlights zeichnete das Buch aus: Ein Foto zeigt Gerich mit dem Ministerpräsident Zhao Ziyang und es enthält ein Vorwort von dem späteren Premierminister Zhu Rongji. Darin lobte er Gerich für seinen strengen und konsequenten Managementstil und titelte ihn mit ‚Mr. Quality‘. Das Buch wurde ein Bestseller und Pflichtlektüre für Tausende Fabrikleiter.
Zwei Jahre nach seinem Tod im April 2003 ließ die Stadt Wuhan zwei Bronzestatuen von ihm erstellen; eine wurde der Stadt Duisburg geschenkt (steht vor dem IHK–Gebäude), die andere steht in Wuhan. Damit war Gerich der vierte Deutsche, dem die VR China eine Statue widmete – nach Karl Marx, Friedrich Engels und John Rabe*. Der amtierende Bürgermeister Li Xiansheng sagte in seiner Rede: „Wir haben die Statuen für Gerich geschaffen, um unseren tiefen Respekt vor ihm zum Ausdruck zu bringen und unsere aufrichtige Wertschätzung für seinen großen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Wuhans und zur Reform seiner Unternehmen.“
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Werner Gerichs Empfehlungen passten genau in die Zeit, in der China begann, sich marktwirtschaftlich auszurichten. Ohne Frage war sein Einfluss auf die Entwicklung in der Reformära beträchtlich. Dieser Bericht macht deutlich, in welchem Zustand sich die industrielle Fertigung in China Anfang der 80iger befand. Umso erstaunlicher ist die Entwicklung seit den 1990iger und die Realität heute!
Die Städtepartnerschaften mit deutschen Städten reflektierten den Wunsch auf Kooperation außerhalb des Geschäftes. Heute jedoch haben wir eine andere Situation.
*Er rettete 1937 im Zusammenhang mit dem Nanjing Massaker mehr als 200.000 chinesische Zivilisten vor dem sicheren Tod.
Allein in Tianjin im Jahr 1959 – Leseprobe aus dem Kapitel GESTERN
Kann der Leser sich vorstellen, in den 1950er‑Jahren im „kommunistischen China“ gelebt zu haben? Nun, meinFreund Rudolf Kardel (*1935 †2022), von allen Rudi genannt, erlebte genau das. Damals gab es kaum Ausländer in China, abgesehen von russischen Ingenieuren, die im Lande waren im Rahmen des sowjetisch‑chinesischenFreundschaftsvertrags vom 14. Februar 1950. Zunächst benötigte Rudi ein offizielles Einladungsschreiben aus China, um von der chinesischen Botschaft in Kopenhagen ein Einreisevisum zu erhalten (Dänemark und die Schweiz nahmen 1950 diplomatische Beziehungen mit China auf, die Bundesrepublik Deutschland folgte erst 1972).
Hier beginnt seine Geschichte (1): „Im Mai 1959 nahm ich den Zug von Hongkong nach Kanton, von dort weiter nach Shanghai und schließlich nach Tianjin. Dort sollte ich die Leitung der Niederlassung von Jebsen & Co. (2) übernehmen, diese bestand seit 1897. Für mich war dies der Beginn eines sehr schwierigen, zweijährigen Einsatzes, der damit endete, dass ich das Büro schließlich schließen musste.”
Rudi hatte ursprünglich für Jebsen in Hamburg gearbeitet und war 1956 in die Reedereiabteilung des Hongkonger Büros versetzt worden. Zu dieser Zeit machte die chinesische Regierung es zur Bedingung, dass ausländische Unternehmen mit Vermögenswerten in China einen ausländischen Vertreter vor Ort stationiert hielten – praktisch als „Pfand“ für mögliche Verbindlichkeiten. Das bedeutete, dass der abreisende Ausländer erst dann ausreisen durfte, wenn ein Nachfolger im Land war. Jebsen bestimmte Rudi zum nächsten Repräsentanten in Tianjin. Die Kernaktivität des Büros damals war als Schiffsagent für die Hamburg‑Amerika‑Linie (später HAPAG), Norddeutscher Lloyd, Messageries Maritimes, Ben Line und für die Jebsen Schiffe zu fungieren. Dies war eine wichtige Aufgabe, denn selbst während Chinas fast vollständiger Abschottung gab es Außenhandelsaktivitäten und diese machten internationale Schiffsverbindungen notwendig. Jebsen und einige andere europäische Handelshäuser unterhielten weiterhin auch Büros in Shanghai; ebenso die HSBC Bank. Deren Präsenz war allerdings eher historisch begründet und diente zum Nachweis einer ununterbrochenen China Präsenz – schließlich war die Bank 1865 in Shanghai gegründet worden. Tatsächlich hatte die für viele Jahre nach der VR China Gründung kaum Aktivitäten in China, das Büro wurde von einem britischen ‚Hausmeister‘ geführt.
Zurück zu Rudis Geschichte. Er kam am 6. Mai 1959 am Ostbahnhof von Tianjin an. Von dort nahm er eine Fahrradrikscha zum Tianjin Hotel (3), wo er für 360 Yuan im Monat eine große Suite mietete. Rudi sprach kein Mandarin, und das Hotelpersonal kein Englisch. Sein Büro lag zehn Gehminuten entfernt. Dort arbeiteten zwölf Angestellte in den Bereichen Schifffahrt, Import und Export; neun von ihnen sprachen Englisch. Das Leben für ihn war sehr hart, er hatte abseits des Geschäftes fast keine Kontakte zur Außenwelt. Zu dieser Zeit war die maoistische Regierung stark antiwestlich eingestellt, hervorgerufen vom Koreakrieg (1950–1953) in dem chinesische Soldaten gegen Truppen der USA und anderer westlicher Länder gekämpft hatten. Überhaupt waren Chinesen Kontakte zu Ausländern verboten oder zumindest stark eingeschränkt. Informationen über Weltereignisse oder auch Ereignisse in China zu erhalten war nahezu unmöglich: Es gab keine englischsprachige Zeitung, keine ausländischen Radiosender und natürlich auch keinen Fernseher im Hotelzimmer.
Völlig auf sich gestellt war es für Rudi eine Wohltat Kontakt zu dem Deutschen Frank Gut aufzubauen; er leitete das Büro des Schweizer Unternehmens Eutraco Trading, „Frank war für mich gleich eine große Hilfe, er gab mir viele nützliche Hinweise und Tipps. Diese waren wertvoll um im kommunistischen China zurechtzukommen“, erzählte Rudi. „Er lud mich zum Abendessen in den Firmenbungalow ein, wo ich seine schwedische Frau Aina und den zweijährigen Sohn Christian kennenlernte. Seit ihrer Ankunft ein halbes Jahr zuvor hatten sie praktisch mit niemandem in dieser großen Stadt Kontakt gehabt. Sie hatten das Glück, dass die Firma das Haus behalten hatte, dieses war über viele Jahre von seinen Vorgängern, den deutschen Filialleitern, bewohnt worden. Der Koch und die Hausangestellten arbeiteten hier bereits seit über 10 Jahre. Wenn es dem Koch gelang auf dem Schwarzmarkt Fleisch, Geflügel oder Gemüse aufzutreiben, hatten wir ein genussreiches Abendessen“.
Gemeinsam bewirteten die drei Freunde und Kollegen die aus Peking und Shanghai zu Besuch kamen, in seiner Hotelsuite. „Anschließend wurde ordentlich getrunken und Zigarren oder Zigaretten geraucht. So verbrachten wir viele Nächte, tanzten und sangen, begleitet von den Musikinstrumenten, die wir von Hongkong mitgebracht hatten.“
Eine lustige Geschichte, typisch für die damalige Zeit: Der Schweizer Kollege Lutz Ziehler, ebenfalls Mitarbeiter von Eutraco, kehrte wegen Arbeitsmangels wieder zurück. Zum Abschied (und eher scherzhaft) schenkten ihm Rudi und Frank eine große Mao-Tsetung-Statue. Als der Zug aus dem Bahnhof fuhr, reichten sie ihm das Geschenk schelmisch durchs Zugfenster. In Kanton angekommen, ließ Lutz die Statue im Zug zurück; sie hatten genügend Gepäck und wollten das Geschenk partout nicht behalten! Erleichtert ging es zum Hotel für die Transit-Übernachtung. Am nächsten Morgen klopfte ein Hotelmitarbeiter an die Tür und übergab die ‚vergessene‘ Statue. Lutz bedankte sich für die Freundlichkeit, wollte aber eigentlich sagen: „Behalten Sie sie ruhig, ich brauche sie nicht.“ Doch ihm war klar, dass diese Handlung als schweres Vergehen ausgelegt werden könnte. Also versteckte Lutz die Statue in einer Hoteltoilette und fuhr mit seiner Frau zum Bahnhof für die Weiterreise nach Hongkong. Doch siehe da, kurz vor Abfahrt des Zuges erschien ein Hotelangestellter und übergab den unerwünschten Gegenstand. Der arme Lutz hatte nun keine andere Wahl, als die Statue mit nach Hongkong zu nehmen. Dort konnte er sie endgültig loswerden, denn zum Glück war das Wegwerfen in Hongkong keine Straftat.
Rudis Arbeitsalltag war mühsam und zeitraubend. „Es gab keine Telefonverbindung zwischen Tianjin und Hongkong. Deshalb rief ich die Kollegen Iver oder Heinrich im Jebsen‑Büro in Shanghai an, und sie gaben dann meine Nachrichten nach Hongkong weiter. Es war ein offenes Geheimnis, dass alle Telefongespräche abgehört wurden; deshalb sprachen wir in unserem südjütländischen Sønderjysk Dialekt (wird in der Grenzregion im Süden Dänemarks gesprochen), den konnte niemand verstehen.“
Ohne Reisegenehmigung, dem “Aliens Travel Permit”, durfte Kardel sich nur in einem Radius von 20 Kilometern um Tianjin herum bewegen. Um in anderen Häfen einlaufende ausländische Schiffe zu betreuen, brauchte er jeweils ein spezielles Permit. Üblicherweise dauerte es zwei bis drei Tage bis die Genehmigung eintraf; aber zunehmend passierte es, dass er das Permit erst nach Abreise des Schiffes erhielt. Dies war für seine Arbeit nicht akzeptabel, also schrieb Rudi einen Beschwerdebrief a die Hafenbehörde. „Dann brach die Hölle los“, erinnert er sich. Er wurde aufgefordert, persönlich im Hafenbüro zu erscheinen, zusammen mit seinem Assistenten als Dolmetscher. „Ich erhielt eine lange und ernste Lektion über die neuen chinesischen Regeln und Vorschriften und man erklärte mir, mein Brief werde als feindlicher Akt gegenüber der Regierung gewertet. Es wurde geraten, mich zu entschuldigen und mein Schreiben zurückzuziehen – derartige Korrespondenz könne nicht geduldet werden.“ Zwei Tage wurde Rudi verhört und auf demselben Stuhl festgehalten. Aber er weigerte sich zu entschuldigen.
Kurz darauf teilte ihm der Manager des Tianjin Hotels seltsamerweise mit, dass das Hotel nicht für Langzeitgäste eingerichtet sei und er solle bitte ausziehen. Tatsächlich aber lag die Belegungsrate unter 20 Prozent. Rudi zog nicht aus. Als dann das Apartment nicht mehr gereinigt wurde und die Bettwäsche nicht mehr gewechselt wurde, war Rudi klar, dass man ihn loswerden wollte. Jedoch fand er eine kreative Lösung: Im Büro ließ er eine Trennwand einziehen und kaufte sich ein gebrauchtes Bett. Fortan schlief er im Büro und ging jeden Morgen um 8 Uhr in ein öffentliches Bad um zu duschen. Rudi hatte sich den Umständen entsprechend arrangiert, denn für Jebsen war die Präsenz in Tianjin wichtig.
Ausflüge nach Peking
Weil Reisen ja genehmigt werden mussten und es auf Dauer in Tientsin nicht auszuhalten war, schloss Rudi mit dem dänischen Botschafter in Peking Hans Bertelsen eine Vereinbarung ab. Alle drei Wochen wurde er unter einem Vorwand gebeten in der Botschaft vorzusprechen. Auf dieser ‚offiziellen‘ Basis erhielt Rudi prompt eine Reisegenehmigung für die Tour nach Peking. Diese Besuche waren für ihn eine willkommene Abwechslung des Alltags, denn sie ermöglichte andere Ausländer, meist Botschaftsmitarbeiter, zu treffen und an deren Feiern teilzunehmen. Absichtlich schlossen Rudis Peking Besuche meist ein Wochenende ein. Denn das ermöglichte ihm an den gesellschaftlichen Anlässen teilzunehmen. Anschließend kehrte Rudi in seinem sechssitzigen Volkswagenbus gut versorgt nach Tientsin zurück; er mit Zigaretten, Whisky, Gin, Lebensmitteln, Körperpflegeartikeln und Benzin wieder zurück.
„Ich fuhr häufig nach Peking. Bei einer meiner vielen Reisen begleitete mich mein russischer Freund Valentin Sosnin, genannt Sos. Diesmal nahmen wir nicht das Auto, sondern den Zug. Unterwegs sahen wir die Hinterhof‑Produktionsstätten und Öfen, die von den Volkskommunen errichtet worden waren, um Stahl zu produzieren. Das war Teil des von Mao ausgerufenen ‚Großen Sprungs nach vorn‘ im Rahmen des zweiten Fünfjahresplans von 1958 bis 1962. Doch Ende 1959 waren die Parteifunktionäre sehr unzufrieden, weil der Stahl aus diesen Hinterhöfen zu schwach war, um im Bauwesen verwendet zu werden. Auch landwirtschaftliche Maschinen fielen bei der Nutzung auseinander – wegen der schlechten Qualität. Der ‚Große Sprung nach vorn‘ war gescheitert, und sogar Mao gab dies zu.“
Bei einer weiteren Reise nach Peking checkte Kardel im Xinqiao Hotel im Bezirk Dongcheng ein. Neben dem Beijing Hotel durften hier Ausländer übernachten. „Während des Aufenthaltes schlug Sos’ Freund Jack Obradowic von der tschechischen oder ungarischen Botschaft (ich weiß es nicht mehr genau) vor mit seinem Freund Morris Cohen Poker zu spielen. Mir war sofort klar, dass dies der berühmte ‚Two Gun Cohen‘ 4 sein musste. Ich war sehr stolz, ihn persönlich kennenzulernen, da ich schon viel von ihm gehört hatte.“
“Diese Einführung entpuppte sich als teure Angelegenheit für mich… Zuerst musste ich alles über Poker lernen, das ich vorher noch nie gespielt hatte. Ich gewann sofort ein paar Spiele. War das Anfängerglück oder wurde ich hereingelegt? Wie dem auch sei, mir gefiel das Spiel, und während meines zweitägigen Aufenthalts in Peking spielten wir von abends bis in die frühen Morgenstunden Poker. An beiden Abenden war ich am Ende der absolute Verlierer.“ Gleichwohl fuhr er fort: „Ich hätte mir nie vorstellen können, mal mit einem Mann Poker zu spielen, der durch seine Dienste für Sun Yat-sen und Chiang Kai-shek in China berühmt war.“
Der lange Abschied
Anfang 1960 beschloss das Jebsen Management in Hongkong, die Niederlassung in Tientsin zu schließen. Kardel schrieb einen Brief an die Behörden, in dem er die Gründe und die Notwendigkeit für die Auflösung des Unternehmens darlegte und bat sie um Genehmigung. „Die Volksrepublik China benötigt nach mehr als zehn Jahren der Befreiung keine ausländische Hilfe. Alle Handelsaktivitäten haben dank der guten Führung von Unternehmen wie CNIEC (China National Import & Export Corporation) hervorragende Ergebnisse erzielt“, schrieb er.
Doch die chinesische Seite verweigerte die Genehmigung zur Schließung, Jebsen solle zunächst Steuern und Abgaben in Höhe von 310.000 Yuan (etwa 540.000 DM) leisten. Anstelle der eigentlich in China fälligen Schiffsprovisionen waren die Beträge nach Absprache mit den Reedereien an das Hongkonger Büro überwiesen worden. Kardel gab zahlreiche Begründungen, warum dieses Geld in Hongkong verblieben war. Die Behörden stuften ihn dennoch als ‚unfreundliche Person, die nicht kooperieren will‘ ein. Im März 1961 bestätigte schließlich die Bank of China in Tientsin den Eingang des geforderten Betrages. Nach fast einjährigen Verhandlungen genehmigten die Behörden schließlich die Liquidation des Büros.
Rudis Leben und Arbeitserfahrungen im China der späten 1950er-Jahre geben uns einen inhaltvollen Einblick in ein völlig abgeschlossenes Land. Man darf nicht vergessen, dass damals im Ausland kaum etwas über die inneren Zustände des Landes bekannt. Rudi überstand die täglichen Herausforderungen indem er immer ruhig und gefasst blieb frei nach dem Motto ‚Lass die Dinge einfach auf dich zukommen.‘ Sein Charakter und seine Fähigkeit leicht Freundschaften zu schließen war in jener Zeit ein weiterer Überlebensvorteil. Rund 15 Jahre später kreuzten sich unsere Wege in Hongkong; Rudi hatte bei Jebsen die Lufthansa Passage Abteilung übernommen. Es entwickelte sich eine enge Freundschaft mit guten gemeinsamen Zeiten. Bei einen der Trinkrunden, ich glaube es war in seiner Heimatstadt Apenrade (Dänisch Aabenraa) erzählte mir Rudi bei einer Trinkrunde von seinen Erlebnissen in China. Ich gebe hier gekürzt Auszüge aus seiner Niederschrift für mich wieder.
Und so erinnerte sich der Vorsitzende der Jebsen-Gruppe, Hans Michael Jebsen, an ihn: „Unter Freunden und Kollegen liebevoll ‚Rudi‘ genannt, war er ein inspirierender Kollege und ein geschätzter Vorgesetzter. Er steckte Herz und Seele in alles, was er tat, und legte die Messlatte stets sehr hoch. Zugänglich, humorvoll und positiv hinterließ er überall einen bleibenden Eindruck, und all jene, deren Leben er berührt hat, ebenso wie die Firmengruppe, zu der er nachhaltige Beiträge geleistet hat, werden ihn schmerzlich vermissen.“ (5)
Gützlaff, kein Evangelium ohne Opium – Leseprobe aus dem Kapitel GESTERN
Ein pulsierender Treffpunkt ist mittwochsabends mitten in der Stadt in Happy Valley (跑馬地) wenn die Pferde hier über die Rennbahn donnern – eine Tradition seit den 1840iger Jahren, die auch Dekaden nach der Rückgabe Hongkongs weiterhin besteht! Tausende Wettfanatiker genießen hier die verschmelzende Kulisse von funkelnden Lichtern, Pferden und Entertainment. Neben Einheimischen ist dies auch für Besucher eine beeindruckende und aufregende Veranstaltung, denn man hat die Chance beim Wetten viel Geld zu gewinnen – oder zu verlieren.
Vor diesem Erlebnis mitreißender Energie am ‚Happy-Wednesday‘ empfehle ich jedoch einen Abstecher zur gegenüberliegenden Straßenseite. Hier, gleich hinter dem Eingang des internationalen Friedhofs finden wir die Grabstätte mit der Inschrift ‚First Lutheran Missionary in China 1803 – 1851. Karl Friedrich August Gützlaff‘. Geboren am 8 Juli 1803 in Pyritz in Pommern (heute Pyrzyce in Polen) war Gützlaff trotz seines kurzen Lebens von 48 Jahren ein Mann voller Gegensätze: Abenteurer, lutherischer Missionar, Dolmetscher für die britische Regierung, Opiumhändler und Beamter in der britischen Kolonialverwaltung; u.a. in Hongkong sowie Administrator der eroberten Städte Ningbo und Zhoushan. Chinesische Überlieferungen aus der Zeit beschreiben ihn als fairen und vom Volk geachteten Statthalter.
Wenn sich in den Jahren 1830 bis 1850 in China etwas Bedeutendes ereignete, war er zugegen.
1826 war er für die Niederländische Missionarsvereinigung zunächst in Indonesien, um dort den evangelischen Glauben zu verbreiten. Es folgten Aufenthalte in Siam (heute Thailand) und Malakka (damals holländische Kolonie, heute Malaysia), wo das Sprachgenie Thai, Khmer und Laotisch lernte. Im Februar 1831 schließlich landete er in Macau. Kurz darauf ließ sich Gützlaff in der schnell wachsenden Handelsmetropole Hongkong nieder.
Der begabte Linguist erlernte Mandarin, Kantonesisch und Hakka und übersetzte mit diesen Kenntnissen die Bibel. Weiterhin bildete der pommersche Abenteurer als einer der ersten protestantischen Missionare chinesische Evangelisten aus; alles für den Zweck das Christentum im Landesinneren zu verbreiten.
In Hongkong mittlerweile hatte sich eine Anzahl von britischen Handelsfirmen etabliert, nachdem das britische Parlament im Jahr 1834 der East India Company die Sonderrechte im Handel mit China entzogen hatte. Deren Kapitäne waren furchtlos und erfahren in der Meeresgeografie, aber ihnen fehlten Sprach- und Ortskenntnisse. Und damit kamen Gützlaffs Qualitäten ins Spiel.
Die wagemutigen William Jardine und sein Partner James Matheson waren mit ihrer Firma Jardine, Matheson & Co. (die heute noch existiert!) an dem profitablen, wenngleich riskanteren direkten – also ohne chinesische Mittelsmänner – Handel mit Opium entlang der chinesischen Ostküste interessiert. So erreichte Gützlaff in der Planungsphase ein Brief von William Jardine, der schrieb „Ohne Zögern sagen wir Ihnen, dass der Verkauf von Opium das Haupteinkommen dieser Reise sein soll“, beginnt der Brief. „Es ist schließlich unerlässlich, jedem Schiffe eine Möglichkeit zu geben, seine Kosten selbst zu decken. Wir hoffen daher, uns Ihren Übersetzungsdiensten in jedem Falle sicher zu sein, egal wann sie angefordert sein sollten.“
Der Brief an Gützlaff fährt fort: „Je profitabler diese Expedition, desto einfacher wird es für uns, Ihnen einen bestimmten Betrag zur Verfügung zu stellen, welcher zukünftig in der Ausführung Ihrer großen Mission – an deren Erfolg wir starkes Interesse haben – behilflich sein dürfte“. Gützlaff überlegte – jedoch nicht sonderlich lang. Ab 20. Oktober 1832 befand er sich an Bord der Sylph (laut Paracelsus leicht, agil und schlank), dem damals schnellsten Schiff der Region, voll beladen, hauptsächlich mit Opium. In der Hoffnung auf neue Absatzmärkte fuhr dieses Schiff sechs Monate alle wichtigen Hafenstädte Chinas an – bis nach Tianjin. Die Expeditionsreise war für Jardines ein kommerzieller Erfolg; für Gützlaffs Interessen aber auch. Ihm war erlaubt auf der Reise nach getaner Arbeit seine religiösen Bibeltexte zu verbreiten. Auch verteilte er ein von ihm herausgegebenes chinesisches Magazin, die Druckkosten dafür hatten Jardine, Matheson & Co als weiteren Anreiz für sechs Monate übernommen.
Bei diesen Reisen blendete er sich durch das Tragen chinesischer Kleidung und seiner hervorragenden Sprachkenntnisse gut ins Tagesleben ein. En route begeisterte er mit seiner Frömmigkeit und dem totalen Engagement für die christliche Sache bei seinen Vorträgen die Menschen schon beim Erstkontakt.
Im Resultat brachten seine zwei krass gegensätzlichen Tätigkeiten viel Erfolg. Für die Briten war Gützlaff als Dolmetscher in Verhandlungen ein unentbehrlicher Vermittler mit chinesischen Behörden. Im Handel unterstützte er die wagemutigen Briten und half neue Märkte auszuloten; aber dabei auch korrupte Amtsinhaber der Küstenstädte zu instrumentalisieren. Schließlich war zu der Zeit der Opiumkonsum seines Volkes dem Kaiser ein großer Dorn im Auge. Bei den Verhandlungen des Vertrages von Nanking zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Chinesischen Kaiserreich im August 1842, der den Ersten Opiumkrieg beendete, fungierte Gützlaff als Dolmetscher. Auf dem berühmten Gemälde der Vertragsunterzeichnung auf der HMS Cornwallis ist er gut zu erkennen. Mit dem Vertrag erreichten die Briten fast vollständig ihre Kriegsziele plus die Annexion von Hongkong. Für die Chinesen markierte dieser erste ‚ungleiche Vertrag‘ den Beginn eines krisenhaften Jahrhunderts.
Sicher war sich Gützlaff seines opportunistischen Handels bewusst. Jedoch sah er in seiner dualen Rolle als Dolmetscher für die Opiumschiffe die Chance seine Ziele als Missionar zu erreichen. Denn sein Weg dorthin war mühsam: nach strapaziösen Reisen, Erlernen der chinesischen Dialekte, dem tragischen Verlust seiner Frau und Töchter, bot sich an Bord der Sylph endlich die Chance sein Missionar Werk zu realisieren. Schlussendlich bleibt für uns ein positives und negatives, aber sehr beeindruckendes, Vermächtnis.
Die faszinierende Lebensgeschichte des Karl Gützlaffs endete aber mit einer bitteren Enttäuschung. Als er von einer Europareise zurückkehrte, musste er feststellen, dass die von ihm ausgebildeten chinesischen Priester ein Großteil der zur Verteilung bestimmten Bibeln an die Druckerei zurückverkauft hatten und, schlimmer noch, damit ihren eigenen Opiumkonsum finanzierten. Diese ‚Kreislaufwirtschaft‘ wiederum brachte den Druckern Mehreinnahmen ohne Arbeit, denn sie kassierten bei der nächsten Lieferung erneut von Gützlaff. Von dieser bitteren, aber für China nicht ungewöhnlichen, Lebenserfahrung erholte er sich nicht. Gützlaff verstarb wenige Monate später in Hongkong im Alter von nur 48 Jahren.
Immerhin, seine Leistungen für die Kolonialregierung fand Anerkennung in der Benennung der ‚Gutzlaff Street‘. Sie existiert noch heute am Rande des Entertainment Viertels Lan Kwai Fong in Central.
WAS NICHT INS BUCH PASSTE
Ein schwieriger Anfang – Leseprobe aus dem Kapitel VORGESTERN
Der 13. Juli 1718 hat Symbolkraft. Denn an diesem Tag legte erstmals ein Handelsschiff der Habsburg Monarchie im südchinesischen Hafen von Kanton an. Damit war das bisherige Monopol der anderen Europäer, vor allem der Briten und Holländer, gebrochen. Stolz schrieb der vorausgereiste jesuitische Pater Miller in seinem Bericht nach Wien: „Den 13. Juli 1718 ist zu Canton ein Schiff aus denen österreichisch- kayserlichen Niederlanden, der Printz Eugenius regierender Römisch-Kayserlicher Majestät Caroli VI mit zweyen Priester unserer Gesellschaft glücklich angelangt“. Auf gut Deutsch heißt dies, dass das Segelschiff namens Prinz Eugen unter dem Befehl von Kaiser Karl VI. am 13. Juli 1718 in Kanton angekommen war.
Somit war dies der Startschuss für das direkte Handelsgeschäft zwischen China und dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und der Habsburgermonarchie.
Aber die Ankunft der Prinz Eugen in Kanton wurde argwöhnisch beobachtet, denn Miller schrieb weiter, dass „etliche Europäer“ – vermutlich Engländer und Holländer – das Schiff „mit scheelen Augen“ ansahen. Denn sie hatten Sorge, dass dies der Beginn einer Handelsallianz zwischen Kaiser Karl VI und dem chinesischen Kaiser Kangxi (1661 – 1722) sein könne, die, so wurde gemunkelt, nicht nur China, sondern auch Indien einbeziehen sollte.
Damit war aus Sicht des Kaiserreiches für den angestrebten Handel die chinesische Flanke abgesichert. An den bald darauf aufkommenden Sturm auf der europäischen Flanke dachte zu dem Zeitpunkt wohl niemand.
Der Kapitän für diese Jungfernreise nach Kanton war der Ire Jacob Tobin. Er hatte ein Empfehlungsschreiben von Kaiser Karl VI dabei und dies war gleichzeitig auch ein Schutzbrief für die gesamte Mannschaft. Als Reaktion auf das Schreiben erließ Kaiser Kangxi ein Edikt, das allen Schiffen und Untertanen des Habsburger Kaiser Schutz gewährte.
Zu dem Zeitpunkt hatte die katholische Kirche viel Macht und Einfluss in Wien und sicher war eine weitere Motivation für diese Reise die Christianisierung Chinas, die auch bei Karl VI. Priorität genoss. Also waren in Absprache mit der Regierung die Jesuiten Miller und Slaviczek als jesuitische Avantgarde voraus gefahren. Nun muss man wissen, dass Kaiser Kangxi Jesuiten wohlgesonnen war, wie wir später noch am Beispiel des Schweizers Franz Ludwig Stadlin erfahren: er war ein gern gesehener Uhrmacher zu Hofe des Kaisers in Peking.
Zurück zur Geschichte: Welche Ware die Prinz Eugen und später auch die SS Empereur Charles mit nach Europa brachten, ist nicht überliefert. Aber die Landung der Segelschiffe in Europa war nicht einfach, sperrten doch die Holländer die Schelde und damit den Hafen Antwerpen. Die Flotte musste auf Ostende ausweichen.
Kaum gelandet, etablierte Kapitän Tobin auf kaiserlichen Befehl in Kanton auch eine Faktorei (“Imperial Factory”) und hisste hier auf fremden Territorium die Habsburger Flagge, dies in Nachbarschaft zu den bereits etablierten Compagnies aus dem Vereinigten Königreich, Holland, Schweden und Dänemark. Die Faktoreien waren im Prinzip Lagerhäuser, mit dem Zweck die Abwicklung der Handelsgeschäfte vor Ort zu erleichtern. Mehr dazu später.
Die Symbolkraft der SS Prinz Eugen muss gesehen werden im Lichte des Habsburger Wahlspruchs A.E.I.O.U. (Austriae est imperare orbi universo – es ist Österreich bestimmt, die Welt zu beherrschen). Besonders Kaiser Karl VI. war bestrebt die Monarchie Austriaca zu festigen und zu erweitern und dazu gehörte der damals in Mode gekommene Fernhandel. Und hiervon sollten auch seine belgischen Territorien profitieren. Einhergehend mit diesen Zielen war die Gründung eines kaiserlichen Handelshauses am Einfallstor nach China, also Kanton, eine logische Entwicklung.
Übrigens ist die Buchstabenfolge A.E.I.U. heute noch ein nationales Symbol für Österreich und ist das Wappen der weltältesten Militärakademie (1752) in Wien.
Aber das damalige Ansinnen des Kaisers war nicht so einfach zu erfüllen, denn Wien war weit weg vom Meer. Und somit fehlten Schiffe und Mannschaft und natürlich auch Erfahrung in der Seefahrt. Kein Wunder dann, das der Kapitän ein Ire war. Symbolisch für das Land ohne Meer ist ja auch heute noch das Kunstwort Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän, über das wir uns beim Quizz erfreuen.
Ein neuer Marschbefehl (2017) – Leseprobe aus dem Kapitel HEUTE
Laut dem staatlichen Nachrichtendienst Xinhua News rief Präsident Xi Jingpin am 8. Dezember 2017 dazu auf “… fortgeschrittene Technologien in die Realwirtschaft einzubetten um damit das Wachstum zu fördern. China sollte frühzeitig einen digitalen Masterplan aufstellen und anstreben die Initiative zu ergreifen“. Und „Wir sollten Weltklasse-Spitzentechnologien anstreben und eine Gruppe von Big-Data-Unternehmen entwickeln“.
Damit sind die nächsten Entwicklungsschritte im Rahmen der Symbiose Staat und Privatwirtschaft vorgegeben.
Tatsache ist, dass schon heute die Digitalisierung in China schneller voranschreitet als in der westlichen Welt. Dies gilt besonders für das tägliche Leben: Bezahlen mit dem Smartphone, online Versicherungen, Läden ohne Personal, selbstfahrende Supermärkte (Moby Mart) usw.
Wer heute in China unterwegs ist, stellt fest, dass Bargeld oder gar Kreditkarte kein gewöhnliches Zahlungsmittel mehr ist. Selbst bei Starbucks wird mit dem Smartphone bezahlt. Das Resultat ist, das etwa 43 % der In-Store-Einkäufe bargeldlos bezahlt werden. Und mobile Zahlungen sind in China elf Mal mehr als in den USA! Bereits in 2016 wurden in China etwa drei Viertel aller Online-Zahlungsvorgänge mit dem Smartphone abgewickelt. In 2017 gab es laut dem Marktforschungsunternehmen iResearch mobile Bezahlvorgänge im Wert von von knapp 13 Billionen Euro. Hier ist ein Vergleich angebracht und dieser ist kein Rechenfehler: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt betrug in 2017 laut statista.com 3,26 Billionen Euro.
Unsere Mitarbeiter schleppen nicht mehr ihre Lebensmitteleinkäufe, sondern sie werden online bestellt und nach Hause geliefert. Auch diese Veränderungen spiegeln sich in den Zahlen wider: Chinas Anteil an weltweiten E-Commerce-Transaktionen ist 42 %.
Nun hält auch die biometrischen Gesichtserkennung Einzug im täglichen Leben. Zunehmend wird sie Teil des Systems beim Einkauf im Supermarkt oder im Convenience Store oder am Geldautomaten. Bei der Grenzabfertigung und in Unternehmen wird sie als Kontroll- und Sicherheitsinstrument eingesetzt. Ein führender Anbieter dieser Technologie (Software and Algorithmen) ist Yitu Technologies in Shanghai. Ihre Dragonfly Platform hat bereits 1.8 Milliarden Personenfotos gespeichert. Diese nationale Datenbank enthält auch die Photoshoots bei Grenzüberschreitungen – auch die der Ausländer. Big brother is watching you. Aber diese Überwachung hat auch positive Resultate. In den ersten drei Monaten Einsatz der Gesichtserkennung bei der Shanghai Metro wurden über 500 Gesetzesbrecher erkannt und der Polizei übergeben.
Wesentliche Entwicklungen, die unser Geschäft beeinflussen werden. Wie und wann ist die Frage.
Die Entwicklungen im privaten Bereich sind spannend und sie haben auch teilweise Einfluss auf unser Geschäft. Direkt betreffen uns die Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Strategieprojekt China 2025, also die “vierte industrielle Revolution”. Sie soll mit Hilfe von Robotik, künstlicher Intelligenz, Blockchain und Big Data realisiert werden. Und da hat China gute Karten. Bei KI ist China Vorreiter, weil der Mensch in China offen ist für neue Technologien und weil die Regierung die Entwicklung tatkräftig unterstützt. Hinzu kommt, dass ehemalige Auslandsstudenten technische und wissenschaftliche Fähigkeiten zurückgebracht haben, die jetzt gut einsetzbar sind. Ein Beispiel ist Zhu Long, Mitgründer von Yitu Technologies: Er lebte für 10 Jahre in den USA; Studium und Doktorgrad in Statistik an der University of California in Los Angeles und später Postdoktorand am Massachusetts Institute of Technology. Und, China ist ein sehr bevölkerungsreiches Land und Menschen bedeutet Daten. Diese schier große Datenmenge ist ideal für die Big Data Analyse.
Laut einer PWC Studie vom Juni 2017 könnte die Realisierung von China 2025 die Wirtschaftsleistung des Landes bis 2030 um 26 % anheben.
Auch beim Projekt China 2025 lenkt die Regierung die Entwicklungen. Dies ist nicht immer offensichtlich, aber spürbar.
Bemerkenswert und beeindruckend ist das die in diesem Kapitel dargestellte Symbiose viele Gewinner hat: neue Geschäftsmodelle gedeihen, positive Strukturveränderungen, Reichtum für die Entrepreneure, Wirtschaftswachstum Wohlstandsmehrung (auch in den armen ländlichen Gegenden). Und dies alles unter der Obhut des Staates. Das Resultat ist zusätzlich die Stärkung der KP und ein wachsendes Selbstbewusstsein im Land.
Der Staatskapitalismus a‘ la China macht es möglich.