Leseprobe
Ein schwieriger Anfang – Leseprobe aus dem Kapitel VORGESTERN
Der 13. Juli 1718 hat Symbolkraft. Denn an diesem Tag legte erstmals ein Handelsschiff der Habsburg Monarchie im südchinesischen Hafen von Kanton an. Damit war das bisherige Monopol der anderen Europäer, vor allem der Briten und Holländer, gebrochen. Stolz schrieb der vorausgereiste jesuitische Pater Miller in seinem Bericht nach Wien: „Den 13. Juli 1718 ist zu Canton ein Schiff aus denen österreichisch- kayserlichen Niederlanden, der Printz Eugenius regierender Römisch-Kayserlicher Majestät Caroli VI mit zweyen Priester unserer Gesellschaft glücklich angelangt“. Auf gut Deutsch heißt dies, dass das Segelschiff namens Prinz Eugen unter dem Befehl von Kaiser Karl VI. am 13. Juli 1718 in Kanton angekommen war.
Somit war dies der Startschuss für das direkte Handelsgeschäft zwischen China und dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und der Habsburgermonarchie.
Aber die Ankunft der Prinz Eugen in Kanton wurde argwöhnisch beobachtet, denn Miller schrieb weiter, dass „etliche Europäer“ – vermutlich Engländer und Holländer – das Schiff „mit scheelen Augen“ ansahen. Denn sie hatten Sorge, dass dies der Beginn einer Handelsallianz zwischen Kaiser Karl VI und dem chinesischen Kaiser Kangxi (1661 – 1722) sein könne, die, so wurde gemunkelt, nicht nur China, sondern auch Indien einbeziehen sollte.
Damit war aus Sicht des Kaiserreiches für den angestrebten Handel die chinesische Flanke abgesichert. An den bald darauf aufkommenden Sturm auf der europäischen Flanke dachte zu dem Zeitpunkt wohl niemand.
Der Kapitän für diese Jungfernreise nach Kanton war der Ire Jacob Tobin. Er hatte ein Empfehlungsschreiben von Kaiser Karl VI dabei und dies war gleichzeitig auch ein Schutzbrief für die gesamte Mannschaft. Als Reaktion auf das Schreiben erließ Kaiser Kangxi ein Edikt, das allen Schiffen und Untertanen des Habsburger Kaiser Schutz gewährte.
Zu dem Zeitpunkt hatte die katholische Kirche viel Macht und Einfluss in Wien und sicher war eine weitere Motivation für diese Reise die Christianisierung Chinas, die auch bei Karl VI. Priorität genoss. Also waren in Absprache mit der Regierung die Jesuiten Miller und Slaviczek als jesuitische Avantgarde voraus gefahren. Nun muss man wissen, dass Kaiser Kangxi Jesuiten wohlgesonnen war, wie wir später noch am Beispiel des Schweizers Franz Ludwig Stadlin erfahren: er war ein gern gesehener Uhrmacher zu Hofe des Kaisers in Peking.
Zurück zur Geschichte: Welche Ware die Prinz Eugen und später auch die SS Empereur Charles mit nach Europa brachten, ist nicht überliefert. Aber die Landung der Segelschiffe in Europa war nicht einfach, sperrten doch die Holländer die Schelde und damit den Hafen Antwerpen. Die Flotte musste auf Ostende ausweichen.
Kaum gelandet, etablierte Kapitän Tobin auf kaiserlichen Befehl in Kanton auch eine Faktorei (“Imperial Factory”)und hisste hier auf fremden Territorium die Habsburger Flagge, dies in Nachbarschaft zu den bereits etablierten Compagnies aus dem Vereinigten Königreich, Holland, Schweden und Dänemark. Die Faktoreien waren im Prinzip Lagerhäuser, mit dem Zweck die Abwicklung der Handelsgeschäfte vor Ort zu erleichtern. Mehr dazu später.
Die Symbolkraft der SS Prinz Eugen muss gesehen werden im Lichte des Habsburger Wahlspruchs A.E.I.O.U. (Austriae est imperare orbi universo – es ist Österreich bestimmt, die Welt zu beherrschen). Besonders Kaiser Karl VI. war bestrebt die Monarchie Austriaca zu festigen und zu erweitern und dazu gehörte der damals in Mode gekommene Fernhandel. Und hiervon sollten auch seine belgischen Territorien profitieren. Einhergehend mit diesen Zielen war die Gründung eines kaiserlichen Handelshauses am Einfallstor nach China, also Kanton, eine logische Entwicklung.
Übrigens ist die Buchstabenfolge A.E.I.U. heute noch ein nationales Symbol für Österreich und ist das Wappen der weltältesten Militärakademie (1752) in Wien.
Aber das damalige Ansinnen des Kaisers war nicht so einfach zu erfüllen, denn Wien war weit weg vom Meer. Und somit fehlten Schiffe und Mannschaft und natürlich auch Erfahrung in der Seefahrt. Kein Wunder dann, das der Kapitän ein Ire war. Symbolisch für das Land ohne Meer ist ja auch heute noch das Kunstwort Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän, über das wir uns beim Quizz erfreuen.
Gützlaff, kein Evangelium ohne Opium – Leseprobe aus dem Kapitel VORGESTERN
Ein pulsierender Treffpunkt ist mittwochsabends mitten in der Stadt in Happy Valley (跑馬地) wenn die Pferde hier über die Rennbahn donnern – eine Tradition seit den 1840iger Jahren, die auch Dekaden nach der Rückgabe Hongkongs weiterhin besteht! Tausende Wettfanatiker genießen hier die verschmelzende Kulisse von funkelnden Lichtern, Pferden und Entertainment. Neben Einheimischen ist dies auch für Besucher eine beeindruckende und aufregende Veranstaltung, denn man hat die Chance beim Wetten viel Geld zu gewinnen – oder zu verlieren.
Vor diesem Erlebnis mitreißender Energie am ‚Happy-Wednesday‘ empfehle ich jedoch einen Abstecher zur gegenüberliegenden Straßenseite. Hier, gleich hinter dem Eingang des internationalen Friedhofs finden wir die Grabstätte mit der Inschrift ‚First Lutheran Missionary in China 1803 – 1851. Karl Friedrich August Gützlaff‘. Geboren am 8 Juli 1803 in Pyritz in Pommern (heute Pyrzyce in Polen) war Gützlaff trotz seines kurzen Lebens von 48 Jahren ein Mann voller Gegensätze: Abenteurer, lutherischer Missionar, Dolmetscher für die britische Regierung, Opiumhändler und Beamter in der britischen Kolonialverwaltung; u.a. in Hongkong sowie Administrator der eroberten Städte Ningbo und Zhoushan. Chinesische Überlieferungen aus der Zeit beschreiben ihn als fairen und vom Volk geachteten Statthalter.
Wenn sich in den Jahren 1830 bis 1850 in China etwas Bedeutendes ereignete, war er zugegen.
1826 war er für die Niederländische Missionarsvereinigung zunächst in Indonesien, um dort den evangelischen Glauben zu verbreiten. Es folgten Aufenthalte in Siam (heute Thailand) und Malakka (damals holländische Kolonie, heute Malaysia), wo das Sprachgenie Thai, Khmer und Laotisch lernte. Im Februar 1831 schließlich landete er in Macau. Kurz darauf ließ sich Gützlaff in der schnell wachsenden Handelsmetropole Hongkong nieder.
Der begabte Linguist erlernte Mandarin, Kantonesisch und Hakka und übersetzte mit diesen Kenntnissen die Bibel. Weiterhin bildete der pommersche Abenteurer als einer der ersten protestantischen Missionare chinesische Evangelisten aus; alles für den Zweck das Christentum im Landesinneren zu verbreiten.
In Hongkong mittlerweile hatte sich eine Anzahl von britischen Handelsfirmen etabliert, nachdem das britische Parlament im Jahr 1834 der East India Company die Sonderrechte im Handel mit China entzogen hatte. Deren Kapitäne waren furchtlos und erfahren in der Meeresgeografie, aber ihnen fehlten Sprach- und Ortskenntnisse. Und damit kamen Gützlaffs Qualitäten ins Spiel.
Die wagemutigen William Jardine und sein Partner James Matheson waren mit ihrer Firma Jardine, Matheson & Co. (die heute noch existiert!) an dem profitablen, wenngleich riskanteren direkten – also ohne chinesische Mittelsmänner – Handel mit Opium entlang der chinesischen Ostküste interessiert. So erreichte Gützlaff in der Planungsphase ein Brief von William Jardine, der schrieb „Ohne Zögern sagen wir Ihnen, dass der Verkauf von Opium das Haupteinkommen dieser Reise sein soll“, beginnt der Brief. „Es ist schließlich unerlässlich, jedem Schiffe eine Möglichkeit zu geben, seine Kosten selbst zu decken. Wir hoffen daher, uns Ihren Übersetzungsdiensten in jedem Falle sicher zu sein, egal wann sie angefordert sein sollten.“
Der Brief an Gützlaff fährt fort: „Je profitabler diese Expedition, desto einfacher wird es für uns, Ihnen einen bestimmten Betrag zur Verfügung zu stellen, welcher zukünftig in der Ausführung Ihrer großen Mission – an deren Erfolg wir starkes Interesse haben – behilflich sein dürfte“. Gützlaff überlegte – jedoch nicht sonderlich lang. Ab 20. Oktober 1832 befand er sich an Bord der Sylph (laut Paracelsus leicht, agil und schlank), dem damals schnellsten Schiff der Region, voll beladen, hauptsächlich mit Opium. In der Hoffnung auf neue Absatzmärkte fuhr dieses Schiff sechs Monate alle wichtigen Hafenstädte Chinas an – bis nach Tianjin. Die Expeditionsreise war für Jardines ein kommerzieller Erfolg; für Gützlaffs Interessen aber auch. Ihm war erlaubt auf der Reise nach getaner Arbeit seine religiösen Bibeltexte zu verbreiten. Auch verteilte er ein von ihm herausgegebenes chinesisches Magazin, die Druckkosten dafür hatten Jardine, Matheson & Co als weiteren Anreiz für sechs Monate übernommen.
Bei diesen Reisen blendete er sich durch das Tragen chinesischer Kleidung und seiner hervorragenden Sprachkenntnisse gut ins Tagesleben ein. En route begeisterte er mit seiner Frömmigkeit und dem totalen Engagement für die christliche Sache bei seinen Vorträgen die Menschen schon beim Erstkontakt.
Im Resultat brachten seine zwei krass gegensätzlichen Tätigkeiten viel Erfolg. Für die Briten war Gützlaff als Dolmetscher in Verhandlungen ein unentbehrlicher Vermittler mit chinesischen Behörden. Im Handel unterstützte er die wagemutigen Briten und half neue Märkte auszuloten; aber dabei auch korrupte Amtsinhaber der Küstenstädte zu instrumentalisieren. Schließlich war zu der Zeit der Opiumkonsum seines Volkes dem Kaiser ein großer Dorn im Auge. Bei den Verhandlungen des Vertrages von Nanking zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Chinesischen Kaiserreich im August 1842, der den Ersten Opiumkrieg beendete, fungierte Gützlaff als Dolmetscher. Auf dem berühmten Gemälde der Vertragsunterzeichnung auf der HMS Cornwallis ist er gut zu erkennen. Mit dem Vertrag erreichten die Briten fast vollständig ihre Kriegsziele plus die Annexion von Hongkong. Für die Chinesen markierte dieser erste ‚ungleiche Vertrag‘ den Beginn eines krisenhaften Jahrhunderts.
Sicher war sich Gützlaff seines opportunistischen Handels bewusst. Jedoch sah er in seiner dualen Rolle als Dolmetscher für die Opiumschiffe die Chance seine Ziele als Missionar zu erreichen. Denn sein Weg dorthin war mühsam: nach strapaziösen Reisen, Erlernen der chinesischen Dialekte, dem tragischen Verlust seiner Frau und Töchter, bot sich an Bord der Sylph endlich die Chance sein Missionar Werk zu realisieren. Schlussendlich bleibt für uns ein positives und negatives, aber sehr beeindruckendes, Vermächtnis.
Die faszinierende Lebensgeschichte des Karl Gützlaffs endete aber mit einer bitteren Enttäuschung. Als er von einer Europareise zurückkehrte, musste er feststellen, dass die von ihm ausgebildeten chinesischen Priester ein Großteil der zur Verteilung bestimmten Bibeln an die Druckerei zurückverkauft hatten und, schlimmer noch, damit ihren eigenen Opiumkonsum finanzierten. Diese ‚Kreislaufwirtschaft‘ wiederum brachte den Druckern Mehreinnahmen ohne Arbeit, denn sie kassierten bei der nächsten Lieferung erneut von Gützlaff. Von dieser bitteren, aber für China nicht ungewöhnlichen, Lebenserfahrung erholte er sich nicht. Gützlaff verstarb wenige Monate später in Hongkong im Alter von nur 48 Jahren.
Immerhin, seine Leistungen für die Kolonialregierung fand Anerkennung in der Benennung der ‚Gutzlaff Street‘. Sie existiert noch heute am Rande des Entertainment Viertels Lan Kwai Fong in Central.
Der erste Marco Polo Club – (1970er) Leseprobe aus dem Kapital GESTERN
Für viele Geschäftsreisende in Asien ist der Marco Polo Club der Cathay Pacific Fluglinie etwas spezielles, denn der Klub gewährt Vielfliegern angenehme Privilegien. Benannt ist er nach dem venezianischen Händler Marco Polo
(* 1254, † 1324), dessen epischen Berichte über eine China Reise bis heute von großer Bedeutung sind.
Tatsächlich aber hatte der Cathay Club einen Namensvorgänger, der in einer anderen Zeit eine ganz andere Rolle spielte. Ich kam in den Genuss der Mitgliedschaft durch meinen Arbeitskollegen Peter Hartlieb, Direktor bei Jebsen, dies war im Jahr 1973. Damals nahm mich Peter mit zu einem Abendessen im prestigeträchtigen Mandarin Hotel. Ich war dankbar und neugierig was mich erwarten würde. Organisator des Treffens war Rechtanwalt Percy Chen, Gründer des ‚ersten‘ Marco Polo Clubs. Mi dieser Institution wollte er ein Fenster in das selbst-isolierte China öffnen, indem er in Hongkong lebenden Ausländer und Mitarbeiter von chinesischen Staatsinstitutionen zusammenbrachte.
Tatsächlich aber hatte der Cathay Club einen Namensvorgänger, der in einer anderen Zeit eine ganz andere Rolle spielte. Ich kam in den Genuss der Mitgliedschaft durch meinen Arbeitskollegen Peter Hartlieb, Direktor bei Jebsen, dies war im Jahr 1973. Damals nahm mich Peter mit zu einem Abendessen im prestigeträchtigen Mandarin Hotel. Ich war dankbar und neugierig was mich erwarten würde. Organisator des Treffens war Rechtanwalt Percy Chen, Gründer des ‚ersten‘ Marco Polo Clubs. Mi dieser Institution wollte er ein Fenster in das selbst-isolierte China öffnen, indem er in Hongkong lebenden Ausländer und Mitarbeiter von chinesischen Staatsinstitutionen zusammenbrachte. Zwar waren chinesische Beamte in Hongkong stationiert, aber wie findet man den richtigen Kontakt, denn die meisten staatlichen Unternehmen operierten unter Pseudonymen? Und für deren Mitarbeiter war streng reglementiert, mit wem sie sich treffen durften – und natürlich berichtete jeder über jeden a den chinesischen Geheimdienst.
Das vom Marco Polo Club am letzten Donnerstag jedes Monats organisierten Abendessen bot daher eine seltene Gelegenheit für uns, informell mit in Hongkong stationierten Festlandschinesen zusammenzukommen. Mitgliedsbeiträge gab es nicht, wir mussten lediglich für Speis und Trank bezahlen. Eingeladen zu den Treffen wurden wir mittels Postkarte, diese funktionierte auch als Eintrittskarte. Damals waren in der internationalen Community Hongkongs wenige Einladungen so begehrt wie diese!
Anwesend waren in der Regel ausländische Geschäftsleute, Journalisten (darunter auch getarnte Spione), Handelsvertreter und in Hongkong stationierte Diplomaten (zu dieser Zeit hatte das deutsche Konsulat einen großen Mitarbeiterstab). US-Bürger und auch US-Diplomaten wurden bis 1972 aufgrund der angespannten Beziehungen im Kalten Krieg nicht eingeladen. Auf chinesischer Seite waren Mitarbeiter der Hongkonger Niederlassung der Nachrichtenagentur Xinhua (das inoffizielle chinesische ‚Konsulat‘), der Bank of China und, für uns wichtig, Vertreter chinesischer Außenhandelsunternehmen anwesend.
Bei den Zusammenkünften im Bamboo Room genossen wir Cocktails, ein westliches Abendessen und die Vorführung chinesischer Propagandafilme: „China macht große wirtschaftliche Fortschritte, die glücklichen Menschen lieben alle den Vorsitzenden Mao.“ Und, wichtig für die Zeit „Wir behalten die imperialistischen Amerikaner und ihre Handlanger (running dogs) genau im Auge“.
Für mich, in der BASF-Abteilung von Jebsen arbeitend, erwiesen sich die Kontakte im Marco Polo Club als fruchtbar, da wir damit Geschäftskontakte ausbauen konnten und Hinweise zu den richtigen Ansprechpartnern im riesigen Netzwerk der Außenhandelsunternehmen erhielt – wertvoll war schon eine passende Adresse in der Provinz für unsere Mailingkampagnen, denen wir dann die Vorzüge der BASF-Produkte propagieren konnten. Gelegentlich kam es vor, dass wir von den Vertretern in Hongkong angesprochen wurden, es wurden Produktinformationen angefordert oder konkrete Importanfragen an uns übermittelt.
Der Marco Polo Club war 1956 von Percy Chen (* 1901, † 1989) gegründet worden, er war einer der ungewöhnlichsten Einwohner der damaligen britischen Kronkolonie Hongkong. Geboren in Trinidad in eine wohlhabende, landbesitzende chinesische Familie wurde er an der University College School in London ausgebildet und 1922 als Anwalt in England zugelassen. Sein Vater war Eugene Chen, der in den Jahren 1931 und 1932 Außenminister der Republik China war. 1947 zog Percy nach Hongkong und gründete eine Anwaltskanzlei, später wurde er zum Barrister ernannt.
Percy war ein großer, gut gekleideter Mann, sein persönlicher Lebensstil war geprägt vom Hang zum guten Leben, ein Champagner-Sozialist (Schweizer nennen dies den „Cüpli-Sozialisten‘) eben. Was für ein Kontrast zu den Beamten vom Festland in ihren blauen Mao-Anzügen!
Trotzdem, für uns war Percy ein wertvoller Brückenbauer, er half die Kluft zu China zu überbrücken. Verwunderlich dabei war seine beeindruckende Loyalität zur Volksrepublik China. Denn er tat dies nicht wie viele andere des Geldes wegen.
Wie damals üblich, beobachtete die CIA, was in Hongkong vor sich ging. Sie verfolgten, was Percy Chen tat und wen er traf. Davon erfuhr ich aber erst 2003 aus einem freigegebenen CIA-Bericht.
1979 erschien seine Autobiografie „China Called Me: My Life Inside the Chinese Revolution“ 1). Es ist ein Buch voller faszinierender Kontraste und Widersprüche. Ich empfehle es, da es reich an Geschichte und voller Reiseberichte und persönlicher Anekdoten aus seinem Leben in Chiang Kai-sheks China und in Moskau ist.
1) Chen, Percy: China called me, Little, Brown & Co. Boston, 1979
Hong Kong, here I come! – (1971) Leseprobe aus dem Kapitel HEUTE
Als David von Hansemann mit mir im September 1970 am Hamburger Flughafen ein Vorstellungsgespräch für eine Tätigkeit in Hongkong führte, ahnte ich nicht, dass mich dieses Treffen in ein über 50 Jahre dauerndes Abenteuer stürzen würde. Dieses begann mit einem Zweijahresvertrag mit der Firma Jebsen und ich lebe heute, fünfundfünfzig Jahre später, immer noch hier.
In der damaligen Zeit war Hongkong unangefochten eine britische Kronkolonie und die politische Zukunft des benachbarten Chinas war unsicher, das Land erholte sich gerade von den Strapazen der Kulturrevolution.
Chinas Außenhandelsvolumen mit der Welt war schwach. Beispielsweise exportierte China im Jahr 1971 lediglich 272 Mio. US$ in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, Niederlande und der Bundesrepublik Deutschland) und importierte im selben Jahr Waren im Wert von 323 Mio.
Zu diesem Zeitpunkt verkaufte keine westdeutsche Firma Autos nach China, keine österreichische Firma exportierte Maschinen oder Mozartkugeln nach China und auch der Export von Schweizer Uhren nach China war nicht existent. Auf der anderen Seite, so erinnere ich mich, exportierte China damals beispielsweise Textilien, Schweinedärme (für die Wurstproduktion) und einfaches Holzspielzeug nach Europa.
Mittwoch, 6. Januar 1971
Für den Flug nach Hong Kong mit Malaysia-Singapore Airlines (MSA) hatte ich einen Fensterplatz auf der rechten Seite gebucht. Dieser war mir wegen der Aussicht empfohlen worden, aber mit dem Hinweis, dass dies nichts für Angsthasen sei. Nach einem angenehmen Flug über das tiefblaue Südchinesische Meer vollzieht der Pilot einen stetigen Sinkflug und ich sehe durchs Kabinenfenster eine Vielzahl von malerischen Inseln und auf Reede liegende Schiff. Plötzlich zieht er eine scharfe Rechtskurve und, oh weh, fliegt direkt auf ein riesiges rot-weißes Schachbrett an einer großen Felskette zu. Gleichzeitig sinkt das Flugzeug tiefer und nach einer weiteren Rechtsdrehung gleiten wir langsam über Kowloon City direkt auf die Landebahn zu. Jetzt sehe ich unter uns eine Batterie von Mietskasernen, man blickt quasi in die Küchenfenster und fragt sich, was da wohl zum Abendessen gekocht wird. Fast streifen wir dabei die Fernsehantennen und die auf den Dächern zum Trocknen aufgehängte Wäsche. Momente später landen wir auf der ins Meer ragenden Landebahn des Flughafens Kai Tak. Beim Bremsmanöver sehe ich auf der rechten Seite viele Schiff im Hafen und im Hintergrund die Skyline der Insel Victoria, auf der linken Seite lag langgezogen eine Bergkette.
Die Landung ist gelungen. Ein guter Anfang, denke ich und lehne mich zufrieden zurück.
Bis 1998 war die Landung in Kai Tak eine der dramatischsten und charismatischsten der Welt. Wegen dem komplizierten Lande- und Abflugmanöver benötigten alle Piloten für Hong Kong eine Sondergenehmigung.
Trotz der Gefahren gab es keine Horror-Unfälle, aber schon mal Pannen. Einmal setzte eine CAAC-Maschine aus Peking kommend zu spät auf und der Bremsweg reichte nicht aus. Resultat: Das Flugzeug rutschte ins Wasser, zum Glück gab es wenig Verletzte. Im Oktober 1983 hatte ein Lufthansa Cargo Jumbo auf dem Weg nach Frankfurt wegen unzureichender Ladungssicherung oder Motordefekt (ich weiß es nicht mehr) Probleme beim Abheben. Der Pilot schaffte es das Flugzeug kurz vor dem Ende der Startbahn durch eine scharfe Linksdrehung im Boden zum Stehen zu bringen. Keine Verletzten, aber als erstes wurde die Lufthansa Kraniche übermalt. Denn die Fotos gingen um die ganze Welt.
Auf der Basis eines Sichtvermerks im Pass vom British Visa Office in Düsseldorf vom 14. Dezember 1970 verlief die Passkontrolle reibungslos. Zügig wurde mein Pass gestempelt mit dem Eintrag “Arrived by MSA (Malaysia-Singapore Airlines). I, Director of Immigration, permit the holder to enter HONG KONG for employment subject to the condition that he leaves HONG KONG on or before 6. July 1971” plus ein weiterer Stempel “ENTRY 6JAN1971”. Damit war der Weg frei zum Gepäckband.
Die Ankunftshalle war gefüllt mit Menschen; wenige warteten auf Anreisende, die meisten waren Schüler, die auf der Erde saßen, um in dem klimatisierten Umfeld ihre Hausaufgaben zu erledigen. Denn daheim waren die Wohnungen überfüllt und Klimaanlagen eine Seltenheit zu dieser Zeit. Für mich war dies der erste Beweis, dass Chinesen praktisch denken und Lösungen finden!
Anmerkung: Der Flughafen wurde 1998 geschlossen, aber es lohnt sich noch heute auf youtube die Landung aus dem Cockpit Blickwinkel zu erleben.
Herr von Hansemann, Managing Director von Jebsen Hongkong, hatte für meine Ausreise nach Hongkong Zwischenstopps in Singapur und Kuala Lumpur arrangiert. Der Zweck war ein Besuch bei den dortigen Jebsen Büros und ein Kennenlernen für die bessere zukünftige Zusammenarbeit. An den Singapur Aufenthalt erinnere ich mich noch gut, an KL nicht mehr. In Singapur empfing mich Dirk Paulsen zum Mittagessen, wir sind heute noch in Kontakt – er lebt jetzt in den kühlen Bergen von Cameron Highlands nördlich von Kuala Lumpur. Singapurs Stadtbild war damals sehr Chinesisch, wie man es aus alten Beschreibungen kannte. Viel Gewusel, Rikschas überall, ikonische Shophouses und schwer beladene indische Kulis.
Hier soll angemerkt sein, dass ich bereits im Juni 1970 für eine Woche Hongkong besucht hatte. Angestoßen wurde diese Reise durch eine einmalige Zahlung von BAföG, der staatlichen Studienförderung. Mein Ex-Kommilitone Hans-Peter aus Duisburg und ich hatten uns spontan entschieden dieses Geld für eine Studienreise zu verwenden. Also kauften wir von Egypt Air ein preiswertes Flugticket und damit war automatisch die Reiseroute festgelegt: Frankfurt – Kairo–Zwischenstopp in Kuwait – Bombay – Bangkok– Hongkong und schließlich Japan. Hier war unser Reiseziel das Highlight des Jahres, die Weltausstellung in Osaka. Für die Rückreise nach Europa ging es mit einem russischen Passagierschiff nach Nachodka und von dort aus mit der Transsibirische Eisenbahn nach Helsinki.
Rückblickend war der Zuschuss der BAföG hervorragend angelegt: Wir erlebten viel und wir sind enorm dankbar für die vielen Eindrücke und Erlebnisse in Asien und später in der Sowjetunion. Die Vielzahl der Eindrücke und Erlebnisse passen leider nicht in dieses Buch. Aber eine Ausnahme sei gestattet: In Moskau wurde mein Freund und Reisebegleiter Hans-Peter angesprochen, ob er seine Lewis 405 Jeans verkaufen möchte. Nach kurzer Diskussion mit mir sagte er zu und als Resultat hatten wir einige Schlemmerabende mit Kaviar und Wodka. Eine interessante Facette zum ‚real existierenden Sozialismus‘. Gelegentlich tauche ich mittels meines Tagebuchs in diese damalige surreale Zeit zurück.
Ein neuer Marschbefehl (2017) Leseprobe aus dem Kapitel HEUTE
Laut dem staatlichen Nachrichtendienst Xinhua News rief Präsident Xi Jingpin am 8. Dezember 2017 dazu auf “… fortgeschrittene Technologien in die Realwirtschaft einzubetten um damit das Wachstum zu fördern. China sollte frühzeitig einen digitalen Masterplan aufstellen und anstreben die Initiative zu ergreifen“. Und „Wir sollten Weltklasse-Spitzentechnologien anstreben und eine Gruppe von Big-Data-Unternehmen entwickeln“.
Damit sind die nächsten Entwicklungsschritte im Rahmen der Symbiose Staat und Privatwirtschaft vorgegeben.
Tatsache ist, dass schon heute die Digitalisierung in China schneller voranschreitet als in der westlichen Welt. Dies gilt besonders für das tägliche Leben: Bezahlen mit dem Smartphone, online Versicherungen, Läden ohne Personal, selbstfahrende Supermärkte (Moby Mart) usw.
Wer heute in China unterwegs ist, stellt fest, dass Bargeld oder gar Kreditkarte kein gewöhnliches Zahlungsmittel mehr ist. Selbst bei Starbucks wird mit dem Smartphone bezahlt. Das Resultat ist, das etwa 43 % der In-Store-Einkäufe bargeldlos bezahlt werden. Und mobile Zahlungen sind in China elf Mal mehr als in den USA! Bereits in 2016 wurden in China etwa drei Viertel aller Online-Zahlungsvorgänge mit dem Smartphone abgewickelt. In 2017 gab es laut dem Marktforschungsunternehmen iResearch mobile Bezahlvorgänge im Wert von von knapp 13 Billionen Euro. Hier ist ein Vergleich angebracht und dieser ist kein Rechenfehler: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt betrug in 2017 laut statista.com 3,26 Billionen Euro.
Unsere Mitarbeiter schleppen nicht mehr ihre Lebensmitteleinkäufe, sondern sie werden online bestellt und nach Hause geliefert. Auch diese Veränderungen spiegeln sich in den Zahlen wider: Chinas Anteil an weltweiten E-Commerce-Transaktionen ist 42 %.
Nun hält auch die biometrischen Gesichtserkennung Einzug im täglichen Leben. Zunehmend wird sie Teil des Systems beim Einkauf im Supermarkt oder im Convenience Store oder am Geldautomaten. Bei der Grenzabfertigung und in Unternehmen wird sie als Kontroll- und Sicherheitsinstrument eingesetzt. Ein führender Anbieter dieser Technologie (Software and Algorithmen) ist Yitu Technologies in Shanghai. Ihre Dragonfly Platform hat bereits 1.8 Milliarden Personenfotos gespeichert. Diese nationale Datenbank enthält auch die Photoshoots bei Grenzüberschreitungen – auch die der Ausländer. Big brother is watching you. Aber diese Überwachung hat auch positive Resultate. In den ersten drei Monaten Einsatz der Gesichtserkennung bei der Shanghai Metro wurden über 500 Gesetzesbrecher erkannt und der Polizei übergeben.
Wesentliche Entwicklungen, die unser Geschäft beeinflussen werden. Wie und wann ist die Frage.
Die Entwicklungen im privaten Bereich sind spannend und sie haben auch teilweise Einfluss auf unser Geschäft. Direkt betreffen uns die Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Strategieprojekt China 2025, also die “vierte industrielle Revolution”. Sie soll mit Hilfe von Robotik, künstlicher Intelligenz, Blockchain und Big Data realisiert werden. Und da hat China gute Karten. Bei KI ist China Vorreiter, weil der Mensch in China offen ist für neue Technologien und weil die Regierung die Entwicklung tatkräftig unterstützt. Hinzu kommt, dass ehemalige Auslandsstudenten technische und wissenschaftliche Fähigkeiten zurückgebracht haben, die jetzt gut einsetzbar sind. Ein Beispiel ist Zhu Long, Mitgründer von Yitu Technologies: Er lebte für 10 Jahre in den USA; Studium und Doktorgrad in Statistik an der University of California in Los Angeles und später Postdoktorand am Massachusetts Institute of Technology. Und, China ist ein sehr bevölkerungsreiches Land und Menschen bedeutet Daten. Diese schier große Datenmenge ist ideal für die Big Data Analyse.
Laut einer PWC Studie vom Juni 2017 könnte die Realisierung von China 2025 die Wirtschaftsleistung des Landes bis 2030 um 26 % anheben.
Auch beim Projekt China 2025 lenkt die Regierung die Entwicklungen. Dies ist nicht immer offensichtlich, aber spürbar.
Bemerkenswert und beeindruckend ist das die in diesem Kapitel dargestellte Symbiose viele Gewinner hat: neue Geschäftsmodelle gedeihen, positive Strukturveränderungen, Reichtum für die Entrepreneure, Wirtschaftswachstum Wohlstandsmehrung (auch in den armen ländlichen Gegenden). Und dies alles unter der Obhut des Staates. Das Resultat ist zusätzlich die Stärkung der KP und ein wachsendes Selbstbewusstsein im Land.
Der Staatskapitalismus a‘ la China macht es möglich.
Der China-Schock 2.0 landete im Jahr 2025 – Leseprobe aus dem Kapitel HEUTE
Vor zwanzig Jahren wurde die Industrie in Europa vom ersten ‚China-Schock‘ erschüttert. Im Resultat zerstörte diese Welle preiswerter bis billiger Ware manches Geschäftsmodell daheim und viele verloren ihren Arbeitsplatz. Richtig, Politiker und Wirtschaftsverbände äußerten ihren Unmut, aber es fehlten effektive, auch harte, Maßnahmen.
Nun befinden wir uns in der 2.0 Schockwelle – eine, die Chinas Handelspartner noch stärker bedroht: der Angriff auf die Hightech-Fertigung.
Diese Entwicklung hat China zum Weltmarktführer in wesentlichen Fertigungssektoren gemacht. Ihr Marktanteil war laut OECD Magic database in 2023 im Schiffbau 50%, Solar Photovoltaik 90%, Telekom 30%, Windkraftanlagen 25% und im Jahr 2025 lag der Marktanteil für Elektrofahrzeugen bei 50%; für Batterien sogar bei 75%.
Die Abkehr von der breiten Palette der Billigprodukte der 1990er Jahre wurde im Jahr 2015 mit Chinas Industriepolitik “Made in China 2025” (MIC2025) als strategischer Plan festgelegt. Und die Ergebnisse zeigen, wie ernsthaft China die Verwirklichung gesetzter Ziele nimmt.
Ohne Frage erreichte der MIC2025 Plan die höchsten Ebenen von Regierung und Wirtschaft der westlichen Industrienationen. Jedoch war deren Reaktion unzureichend, denn man war zu selbstsicher. Und dies aus der Überzeugung, dass ihr technologischer Vorsprung nicht einholbar sei.
Bereits jetzt ist das Resultat auf den Weltmärkten eine Flut von Hightech-Gütern aus China, welche vermehrt zum Sorgenkind der europäischen Industrie werden. Es muss erwartet werden, dass diese Entwicklung auch in anderen fortschrittlichen Branchen stattfindet.
Aus dieser Situation ableitend ist es notwendig die zugrunde liegenden Faktoren des Erfolges zu verstehen, die Chinas Investitionen effektiv machen.
1. Die Industrielandschaft ist heute charakterisiert durch die Geschwindigkeit der kreativen Innovation, die schiere Größe des Binnenmarktes und dem harten Wettbewerb. Die jüngsten Fortschritte des Landes in der humanoiden Robotik, der Biopharmazie und der Kl deuten auf einige dieser Erfolgsfaktoren hin: einem großen Pool an Ingenieurtalenten und dichte inländische Lieferantennetzwerke, die auf schnelle Produktiteration und Skalierung ausgerichtet sind.
2. Typisch für China führt die schnell wachsende Zahl der Hersteller zu Druck auf die Gewinnmarge. Dies tangiert zwangsläufig auch europäische Anbieter in China stark.
3. Auch überschwemmen chinesische Firmen mit den Überkapazitäten daheim die globalen Märkte, dies begünstigt durch attraktive Wechselkurse und durch die höchsten Subventionen weltweit. Das Resultat sind wachsende Handelsspannungen.
4. Es ist aber falsch, staatliche Unterstützung, sprich Subventionen, als den Haupttreiber für Chinas Wandel von Billigexporten hin zu fortschrittlicher Fertigung zu sehen. Dies ist nicht nur analytisch dürftig, sondern auch strategisch wenig hilfreich. Subventionen erklären nicht, wie China heute vermehrt Spitzentechnologien in herstellbare Produkte umwandelt.
5. An dieser Stelle möchte ich zentrale Unterschiede hervorheben, die China heute von Europa unterscheidet: Zum einen die kreative Innovations- und Arbeitskraft der Menschen und der Pragmatismus, der für schnelle Umsetzung sorgt, selbst wenn Hindernisse im Weg sind. Zum anderen stehen dem in Europa häufig Überregulierung, eine geringere Veränderungsbereitschaft sowie strukturelle Hemmnisse, Beispiel Sozialstaat, entgegen.
Wo wird dieser Trend hinführen? In China wohl zu Verlusten und Pleiten, in Europa aber auch. Die Karten in der Industrielandschaft werden neu gemischt, Europa hat jedoch keine Antwort – noch nicht.
Ein Fallbeispiel für die rasante Veränderung ist ein Sensor. Ursprünglich eine Spezialität deutscher und Schweizer Mittelstandsunternehmen, erkennt der Sensor elektrische Leckströme und dient somit als Sicherheitsvorrichtung am Ladestecker für Elektrofahrzeuge. Anfangs verkauften sie das Nischenprodukt für etwa 27 Euro. Mit dem Boom in der Elektromobilität war bald auch China ein Anbieter, zum Beispiel das Unternehmen Estron aus der Zhejiang Provinz. Im Jahr 2019 produzierten sie gerade mal etwa 20.000 Sensoren, dieses Jahr werden wohl 10 Millionen Einheiten verkauft. Anfang 2025 lag der Preis der Sensoren bei RMB 100 pro Stück; bei Kosten von etwa RMB 40 brachte dies einen satten Gewinn; heute liegt der Preis bei RMB 10 pro Stück.
Dieses Beispiel symbolisiert drei Aspekte:
China beweist heute immer wieder die Fähigkeit Technologietrends aufzugreifen und sie weiterzuentwickeln. Passend hierzu sagte Herr Huang He, der in chinesischen Industrieunternehmen investiert, in einem Gespräch mit der FT (14. April 2026) „China ist vollgepackt mit Ingenieuren – technologische Hürden halten höchstens sechs Monate bis ein Jahr durch.“
Bereits in der August 2018 Ausgabe der Zeitschrift ‚brand eins‘ prognostierte die österreichische China-Expertin Silvia Lindtner (Professorin an der University of Michigan) in einem Interview „China will mit einem Heer von Erfindern und Firmengründern eine Art Masseninnovation anschieben. Ich warne davor, den Plan zu unterschätzen“.
Die schiere Größe des Heimatsmarktes ermöglicht es Unternehmen unter Nutzung des Skaleneffekts Produkte zu unschlagbaren Preisen anzubieten (Deflation lässt grüßen).
Und mit Bezug auf die Weltmärkte sagte Huang He der FT schonungslos „Unternehmen, die in China überleben können, sind weltweit unschlagbar“ und „Chinesische Gründer müssen alle möglichen Mittel nutzen, um zu überleben“. Der intensive und rücksichtslose Wettbewerb wird gegenwärtig mit dem Begriff ‚nèijuǎn‘ symbolisiert, ein Phänomen des intensiven und rücksichtslosen Kampfs für den Erfolg.
„Wenn China wächst, schrumpft Deutschland“ titelte das Handelsblatt am 20. Feb. 2026. Wenn die Prognose richtig ist, wäre eine Konsequenz, dass Europa unter der Last chinesischer Importe erstickt, Europas strategische Industrien hätten schlussendlich das Nachsehen. Zwar betonte Bundeskanzler Friedrich Merz nach seinem Antrittsbesuch in Peking Anfang 2026 die deutsche Industrie sei durch chinesische Überkapazitäten und unfairen Wettbewerb stark bedroht. Die Gefahren aus Innovationskraft, ‚nèijuǎn‘ und die Flexibilität der chinesischen Unternehmen erwähnte er nicht; auch nicht, dass Chinesen einfach härter arbeiten und China nicht überreguliert ist. Der französische Präsident Emmanuel Macron fand deutlichere Worte nach seinem Peking Besuch: Der Boom hochwertiger chinesischer Waren sei für die Fertigungsindustrie in Europa eine Frage von Leben und Tod.
Zuständig für die reale Bedrohung ist primär die EU-Kommission. Sie hat nun, im März 2026, begonnen tatkräftig zu reagieren. Das vorgeschlagene Industrie-Beschleunigungsgesetz (Industrial Accelerator Act) enthält konkrete Antworten gegen Billigimporte aus China, die die europäische Industrie bedrohen. Anstatt Europas wirtschaftlichen Niedergang passiv zu beobachten, enthält dieses Gesetz eine konkrete Wettbewerbsagenda. Dies ist ermutigend, doch wie lange wird es brauchen, bis die 27 Mitgliedstaaten diesem Gesetz zugestimmt haben?
Chinas hat in den letzten 20 Jahren seine Wirtschaftsmacht rasant ausgebaut und ist damit heute für Europa eine echte Herausforderung. Dies erzeugt in Europa zunehmend Angst und die Antwort darauf ist oft ein Einigeln und ‚weiter so‘. Aber diese Einstellung wird uns nicht helfen; vielmehr müssen wir neben der kürzlichen Initiative der EU-Kommission, glaube ich, an diesen zwei Hindernissen arbeiten, um die existierenden Herausforderungen zu bewältigen.
1. Chinas hat in den letzten 20 Jahren seine Wirtschaftsmacht rasant ausgebaut und ist damit heute für Europa eine echte Herausforderung. Dies erzeugt in Europa zunehmend Angst und die Antwort darauf ist oft ein Einigeln und ‚weiter so‘. Aber diese Einstellung wird uns nicht helfen; vielmehr müssen wir neben der kürzlichen Initiative der EU-Kommission, glaube ich, an diesen zwei Hindernissen arbeiten, um die existierenden Herausforderungen zu bewältigen.
2. Inmitten der wachsenden Spannungen in den internationalen Beziehungen, sagt die österreichische Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik, ist es Zeit für ein anderes Denken: „Man muss die Welt mit China denken, anstatt die Volksrepublik einfach aus unseren Überlegungen auszuklammern, nur weil es angeblich so fremd und anders ist“.